Binder, Margarethe

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Aus Theater Enzyklopädie
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Margarethe Binder
* 9. 11. 1801 Schleswig (D)
8. 7. 1870 Pillnitz bei Dresden (Dresden, D)
Schauspielerin

Als Kind einer Schauspielerfamilie debütierte sie schon im zarten Alter im Hoftheater im norddeutschen Schleswig. Ein eigenständiges Engagement erhielt sie 1816 in Petrograf und trat, unterstützt von ihrem späteren Ehemann Baron Jacob von der Klogen auf deutschen Bühnen auf. 1824 – 1854 wirkte sie im Ensemble des deutschen Schauspiels am Ständetheater in Prag. Sie brillierte im Rollenfach kluge und naive Mädchen und brillierte dank ihrer wirkungsvollen Mimik auch in stummen Rollen (Fenella in Aubers Oper Die Stumme von Portici). Als Witwe heiratete sie 1825 erneut, und zwar den Sänger Sebastian Josef Binder (1796–1845). Nach ihrem Rückzug in den Ruhestand verbrachte sie den Rest ihres Lebens in Prag.

Tochter Carl und Philippine Mayers, beide Schauspieler am Hoftheater Schleswig, wo B. bereits 1807 in Kinderrollen debütierte. Später siedelte sie mit ihren Eltern nach Dresden und Leipzig über. Ihr erstes eigenes Engagement hatte sie 1816 in Petersburg, wo sie ihre Fähigkeiten unter der Leitung A. von Kotzebues ausbauen konnte, und in Reval /Tallin. 1817 feierte sie erste schauspielerische Erfolge in Lübeck. Dort verlobte sie sich mit dem livländischen Adligen Baron Jacob von der Klogen (Schreibung auch: von der Glogen oder Klugen). Es folgte ein längeres Gastengagement in Hamburg, zu dem ihr von der Klogen aufgrund seines Einflusses verholfen hatte. Danach war sie in Bremen, Hannover und Dresden tätig. Während ihres Dresdner Aufenthalts (ab 1. 5. 1822) wurde sie u. a. von Carl Maria von Weber in der Rolle der Preciosa bewundert (Wolff–Weber:Preciosa). 1823 gastierte sie in Wrocław / Breslau und 1824 (erstmals am 28. 6. 1824 unter ihrem Mädchennamen „Demoiselle Meyer“) am Prager Ständetheater. Erst in dieser Zeit kam es zur Heirat mit Baron von der Klogen und am 24. 9. 1824 zu einem ersten Prager Auftritt unter neuem Namen. Der Baron starb jedoch bereits nach einem Jahr. Margarethe wurde in Prag engagiert und heiratete hier am 11. 10. 1825 den Prager Tenor Sebastian Binder, der ihre aus der Ehe mit Baron von der Klogen hervorgegangenen Söhne adoptierte. (Die Ehe mit Binder wurde 1836 gerichtlich geschieden). Als Margarethe Binder spielte sie im Ensemble des Ständetheaters, bis sie 1854 aufgrund einer Augenerkrankung in den Ruhestand trat. Mit den erfolgreichsten Rollen ihres Prager Repertoires gastierte sie in Pest (9. – 29. 10. 1826), Wien (Burgtheater 1828, 1831), Dresden (1835) und anderen Städten. Den Rest ihres Lebens verbrachte sie in Prag. Sie starb 1870 während eines Ausflugs in Pillnitz bei Dresden.

In Reval / Tallin hatte B. mit naiven und sentimentalen Liebhaberinnenrollen begonnen und bereits dort beeindruckte sie mit ihrem natürlichen schauspielerischen Stil. In Rollen aufgeweckter oder naiver junger Mädchen war sie an all ihren Wirkungsstätten erfolgreich. Sie war physisch sehr beweglich und ihre angenehme, klangvolle Stimme war auch in hohen Lagen nuancenreich. Je nach dem Charakter der Rolle unterstrich sie mit ihrer Stimme die reizende Anziehungskraft einer Geliebten, das schelmische Wesen eines Mädchens vom Lande oder eine komische Naivität. Ihre beredte und wirkungsvolle Mimik machte sie wie geschaffen für stumme Rollen (z. B. Scribe: Yelva, Fenella /Auber: Die Stumme von Portici). Sie gewann sofort die Herzen des Prager Publikums. Während der Zeit des Direktorentriumvirats Kainz – Polawski – Štěpánek war sie gut beschäftigt. Nach dem Antritt J. A. Stögers als Theaterdirektor (1834) trat sie etwas in den Hintergrund, da Stöger sein aus Wien „mitgebrachtes“ Personal bevorzugte. Einige Spielzeiten lang war sie eher in Nebenrollen zu sehen, gegen Ende der dreißiger Jahre wechselte sie in das ältere Fach, wobei sie insbesondere ihr komisches Talent zur Geltung bringen konnte. Einem Versuch, auch Heldinnenrollen zu übernehmen, war kein Erfolg beschieden, da ihre Stimme immer noch eine jungmädchenhafte Färbung hatte und sie diesem Fach auch vom Typ her nicht entsprach. Nach einem Auftritt als Elisabeth in Shakespeares Richard III. urteilte ein Kritiker der Zeitschrift Bohemia, dass sie „für den Kothurn“ nicht energisch genug sei. In Stögers zweiter Amtszeit als Direktor (1852–1854) wurde ihr als Darstellerin adliger Damen und Königinnen große Anerkennung zuteil.


Rollen als Schauspielerin

Dresden, Hoftheater (mit den Eltern): 1807: Otto (A. Müllner: Die Schuld).Reval /Tallin (Engagement 1816): Elsbeth (Kotzebue: Der Graf von Burgund), Lottchen (Kotzebue: Bruderzwist), Gretchen (Kotzebue:Die Verwandtschaften), Käthchen von Heilbronn (Kleist: Das Käthchen von Heilbronn),  Cora (Kotzebue: Rollas Tod), Viktorin von Lenceval (Castelli nach der franz. Vorlage: Die Waise und der Mörder, auch im StD 1824), ? (Männerrolle) (H. G. Schmieder: Die beiden Savoyarden)  Hamburg (längeres Gastengagement 1817): Lehnchen (Kind: Van Dyks Landleben), Kathinka (Kratter: Das Mädchen von Marienburg –  auch am StD).Dresden (Engagement 1822–1824): Gretchen (Kotzebue: Die Verwandtschaften), Preciosa (Wolff–Weber: Preciosa, auch in Prag 1824).Prag, Ständetheater (deutsche und tschechische Vorstellungen)1824: Kathinka (Kratter: Das Mädchen von Marienburg), Bertha (Grillparzer: Die Ahnfrau, a. G. 30. 6.), Page (Kotzebue: Die Pagenstreiche, a. G.), Viktorin von Lenceval, eine stumme Waise (Frederic – Castelli: Die Waise und der Mörder, a. G.), Susette (Kotzebue: Die Rosen des Herrn von Malesherbes, a. G. 8. 10.), Madam Müller (Kotzebue: Menschenhass und Reue, a. G., 15. 10.), Cora (Kotzebue: Der Graf von Burgund, 20. 10. a. G.), Gurli (Kotzebue: Indianer in England, 10. 11.). – 1827: Jugend (F. Raimund: Der Bauer als Millionär, 7. 4.)  – 1828: Kunigunde (Deinhardstein: Hanns Sachs) 11. 2., Suschen (Clauren: Der Bräutigam von Mexiko), Liesli (Holbein nach Clauren: Alpenröslein) 6. 3., Rosa (D´Alayrac: Dvě slova aneb Přenocování v lese, 16. 3.). – 1829: Amalia (F. Schiller: Die Räuber). – 1830: Rosa (A. von Kotzebue: Silberne Hochzeit, 1. 1.), Fräulein von Erben (Deinhardstein: Das Diamantenkreuz, 27. 1.), Pfefferrösel (Birch-Pfeiffer: Pfefferrösel, 30. 1.), Yelva (Scribe: Yelva, oder Die Stumme von Rußland, 30. 1.). – 1831: [Beatrice] (Shakespeare: Viel Lärm um Nichts, 16. 12.) – 1833: Julius (Bouilly: Hluchoněmý aneb Abbé d´Eppé, 3. 3.). – 1834: Anna v. Linden (Bauernfeld: Bekenntnisse, 14. 5.), Rolle? (Birch-Pfeiffer: Gaugraf Philipp der Wilde und Hinko der Freiknecht, 26. 5.), Katharina von Rosen (Bauernfeld: Bürgerlich und romantisch), Isabella (Beck: Quälgeister, 27. 11.), Auguste (Beck: Rettung für Rettung,  17. 12.). – 1837: Karolinka (Told: Spůrné ženské v serailu, 1. 1.), Fenella (Auber: Němá z Portici, 8. 1.). – 1838: Freifrau von Birkenau (Scribe: Yelva, oder die Stumme aus Rußland, 5. 7.). – 1839: Rolle ? (J. Schikh: Der Kobold, 25. 1.), Hofrätin (von Sachsen: Vetter Heinrich, 12. 2.), Mathilde von Trotta (Friederike Herbst nach Kleist: Littegarde, 22. 2.), Die Gräfin (von Sachsen: Der Zögling, 1. 3.), Postmeisterin Hornek (Gerle: Das Liebhabertheater, 17. 3.), Renate (Raupach: Die Lebensmüden, 2. 4.), Nettel (M. Karl nach der franz. Vorlage: Der Reisewagen des Flüchtlings, 5. 4.), Frau von Hilmus (Nestroy: Der Treulose oder Saat und Ernte, 14. 9.), Rolle? (A. Paalzow: Noch ist es Zeit, 24. 11.),  Comtesse Amélie (Töpfer: Die Wasserkur, oder Der reiche Mann, 8. 12.), Lady Wilton (Castelli nach Scribe und Mellesville: Der Student und die Dame, 31. 12.). – 1840: Mad. Savigny (Forst, J. F. Leutner: Engel und Dämon, 23. 2.), Jeanette (Anon.: Drama ohne Titel, 17. 3.), Die Wirtschafterin (Birch-Pfeiffer: Onkel und Nichte, 27. 3.), Mad. Durand (B. A. Herrmann nach V. Ancelot: Die Tochter des Advokaten, 13. 5.),  Marquise von St. Brie (Romer nach A. Dumas: Eine Nacht im Gefängnisse oder Leichtsinn und seine Folgen, 27. 10.), Elisabeth (Holbein nach F. L. Schröder: Pantoffel und Degen, 13. 11.). – 1841: Klärchens Mutter (Goethe: Egmont, 20. 7.). – 1843: Frau v. Cerny (Kupelwieser: Die Memoiren des Teufels), Frau Fettich (Kaiser: Der Rastelbinder, 29. 10.). – 1844: Baronin Belle-Chase (Heine nach Bayard und Dumanoir: Der erste Waffengang, 2. 12.), Lady Pekinbrook (Koch: Vierundzwanzig Stunden Königin, 7. 12.). – 1845: Kumanische Sibylle (Ponsard /J. G. Seidl: Lucretia, 17. 1.), Marthe (Bauernfeld: Ein deutscher Krieger, 7. 3.), Hortensie von Sternau (Blum nach J. Sheridan Knowles: Die Schule der Verliebten, 14. 4.), Barbara (Liebold: Christoph Wind oder Flegelljahr-Fatalitäten, 20. 5.) – 1852: Madame Fingerling (Lembert nach der franz. Vorlage: Mentor, 6. 10.), Madame Sinclair (von Mosel: Die Schule der Alten, 15. 10.) – 1853: Herzogin von Olivarez (Schiller: Don Carlos, Infant von Spanien, 2. 1.), Frau von Cypressenburg (Nestroy: Der Talisman, 12. 1.), Babette Lämmchen (Bauernfeld: Krisen, 19. 1.), Viarda, die Zigeunermutter (Wolff: Preciosa, 11. 2.), Mistres Saunders (Castelli nach Mellesville: Sullivan, 15. 2.), Frau Marthe Schwerdtlein (Goethe: Faust, 26. 2.), Frau von Silben (Franul von Weissenthurn:Das letzte Mittel, 1. 3.), Thanar (Alfred Meissner: Das Weib des Urias, 19. 3.), Aurora von Salten (Wilhelmi: Eine schöne Schwester, 6. 4.), Marie, Amme (Birch-Pfeiffer: Ein alter Musikant) + Madame Adler (F. L. Schröder: Die Heirat durch ein Wochenblatt, 16. 4.), Marie Blaskin (Waldherr: Eine Frau, 25. 4.), Baronin von Horst (K. Goier: Vetter Raoul, 29. 4.), Königin (Gutzkow: Zopf und Schwert, 21. 5.), Artemisia, Gräfin von Lilienfeld (Albini: Kunst und Natur, 5. 6.), Emilie (T. von Megerle nach H. Beecher-Stowes Roman: Onkel Tom´s Hütte, 7. 6.), Gertrude (Wilhelmi:  Einer muß heiraten, 27. 6.), Hanna Kennedy (Schiller:  Maria Stuart, 10. 7.), Gräfin Wolrath (Kotzebue: Die beiden Klingsberg, 8. 8.), Elisabeth Demmer (Feldmann: Ein Proceß zwischen Eheleuten, 18. 8.), Maria Anna von Österreich (Forst nach der franz. Vorlage: Wer wagt, gewinnt). – 1854: Die Nachbarin (Hutt: Das war ich) + Baronin von Teurjagu (C. Blum: Christoph und Renata oder die Verwaisten, 31. 10.). 

Quellen

Archiv hl. města Prahy, Kirchenmatrikel der Pfarrei St. Gallus (fara u kostela sv. Havla), Sign. HV O 10, 11. 10. 1825. – Archiv hl. města Prahy, Aufnahmsbogen vom Jahre 1830, Binder Sebastian, einschließlich Scheidungsvermerk. – Národní muzeum, Theaterabteilung: Theaterschilder 1824-1854.

Periodioka

Theaterkritiken in den Tageszeitungen Unterhaltungsblätter und Bohemia 1829–1854, Hesperus 1824, Wanderer 1831, Ost und West 1844. – Unsign.: Prag, 8. 11. 1824, Hesperus 11. 12. 1824, S. 1188. – Unsign. [A. Müller]: Versuch einer Beurteilung der Kräfte unseres recitirenden Schauspiels, Bohemia 26. 10. 1834. – Unsign. [F. B. Mikovec]: Margarethe von der Klogen-Binder, Biographische Skizze, Bohemia 7. – 8. 11. 1854. – Unsign.: Sterbefall, Bohemia 10. 7. 1870, S. 2477b. – O. Teuber: Die Prager Schaubühne seit den ältesten Jahren XXXVII. Schauspielerinnen in Stögers erster Direktionsperiode, Bohemia 8. 3. 1878, Beilage, S. 1–2.

Literatur

O. Teuber: Geschichte des Prager Theaters III, S. 51, 60, 143, 150, 151, 159–161, 201, 202, 206, 217, 218, 230, 231, 233, 234, 247, 308, 328, 361, 409, 418, 421, 435n., 499, 767, 867; A. Kittl:  Stavovské divadlo, undatiertes Manuskript, aufbewahrt im  Divadelní ústav (Kabinet pro studium českého divadla) Prag; J. Vondráček: Dějiny českého divadla 1824-1846, Praha 1957; M. von Alth: Burgtheater 1776-1976, Wien o. J., S. 60, 67, 150,159; H. Belitska-Scholz – O. Somorjai: Deutsche Theater in Pest und Ofen 1770–1850, I-II, Budapest [2000], S. 1155.

AlthL, Eisenberg, Flüggen, Kosh Th, NDp, ODS, Ulrich

Lebensereignisse

  • 9. 11. 1801: Geburt, Schleswig (D)
  • 8. 7. 1870: Tod, Pillnitz bei Dresden (Dresden, D)


Bildung: 30.11.2012

Autor: Adolf Scherl