Dustmann-Meyer, Marie Louise

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Aus Theater Enzyklopädie
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Marie Louise Dustmann-Meyer
* 22.8. 1831 Aachen (D)
2.3. 1899 Charlottenburg (Berlin, D)
Sängerin

Tochter des Theaterinspektors Friedrich August Meyer und Schwester der Schauspielerinnen Marie Meyer (1840 - 1908) und Friderike Meyer. Tante des Schriftstellers Gustav Meyrink. Ihre Gesangausbildung erhielt sie von ihrer Mutter Marie Meyer, die als Sängerin in Breslau wirkte. 1848 debütierte sie in Wien. 1854 – 1857 erste Sopranistin des Prager Ständetheaters: Elisabeth (Tannhäuser),  Euryanthe (Euryanthe), Senta (Der fliegende Holländer), 1857 – 1875 Engagement an der Wiener Staatsoper. In Wien war sie eine geschätzte Sängerin von Oratorien und Liedern, Gastspiele auf deutschen Bühnen, in Stockholm und London.

Geb. Meyer. Tochter des Theaterinspektors Friedrich August Meyer und der Sängerin Marie, geb. Abtenger; Schwester der Schauspielerinnen Marie (Maria Wilhelmine Adelaide) und Friederike Meyer, Tante des vor allem durch den Roman „Der Golem“ bekannt gewordenen Schriftstellers Gustav Meyrink; ab 3. 3. 1858 mit dem aus Bielefeld stammenden Buchhändler Christian Friedrich Adalbert Dustmann verheiratet.

D. erhielt den ersten Gesangsunterricht von ihrer Mutter, die in Breslau als Soubrette tätig war. Zur weiteren Ausbildung ging sie nach Wien, wo sie 1848 am Theater in der Josefstadt debütierte. Nach einem Engagement in Breslau wirkte sie 1850–1851 unter Generalmusikdirektor Louis Spohr mit großem Erfolg als erste dramatische Sängerin am Hoftheater in Kassel. Von dort führten sie Gastspiele nach Braunschweig, Hamburg und Berlin. Anschließend war D. am Hoftheater in Dresden tätig, von wo sie 1854 als erste Sopranistin an das Prager Ständetheater wechselte. Unter der Direktion Johann August Stögers übernahm sie in der Folge eine Reihe großer Opernpartien und avancierte rasch zum Publikumsliebling. Bereits bei ihrem ersten Gastauftritt als Linda in Donizettis Linda di Chamounix (11. 1. 1854) war ihr Erfolg „ein so vollständiger, daß sie nach der Polacca schon stürmisch bebeifallt und nach dem 1. Acte […] mehrmals gerufen wurde“ (Bohemia, 12. 1. 1854). Nach weiteren Gastrollen (Jessonda / Spohr: Jessonda, Valentine / Meyerbeer: Die Hugenotten, Donna Anna / Mozart: Don Juan,  Pamina / Mozart: Die Zauberflöte,  Recha / Halévy: Die Jüdin) stand sie am 9. 2. 1855 erstmals als neuengagiertes Mitglied auf der Bühne. Noch im selben Jahr übernahm sie unter anderem die Partien der Indra (Flotow: Indra), der Susanna (Mozart: Die Hochzeit des Figaro), Rebecca (Marschner: Der Templer und die Jüdin), Agathe (Weber: Der Freischütz;), Norma (Bellini: Norma),  Leonore (Beethoven: Fidelio) und der Lucrezia Borgia (Donizetti: Lucrezia Borgia). Darüber hinaus kreierte sie die Elisabeth in der Prager Erstaufführung von Wagners Tannhäuser unter Kapellmeister František Škroup (25. 11. 1854). 1855 kamen unter anderem die Titelrollen in Webers Euryanthe und Donizettis Marie, die Tochter des Regiments sowie die Partie der Venus im Tannhäuser hinzu. Im dritten und letzten Jahr ihrer Prager Tätigkeit wirkte sie erneut in zwei Wagner-Erstaufführungen mit, und zwar als Elsa von Brabant in Lohengrin (23. 2. 1856) und als Senta im Fliegenden Holländer (7. 9. 1856), wobei D. unter den Solisten durch ihre „vorzügliche“ Leistung hervorragte (Bohemia 8. 9. 1856). Weitere wichtige Rollen waren jene der Königin der Nacht (Mozart: Die  Zauberflöte), insbesondere aber die der Valentine, die „zu den effectvollsten ihrer Partien“ zählte und ihr „wahren Triumph“ bereitete (Bohemia 16. 5. 1856). Einen großen Verlust für das Ständetheater bedeutete D.s Wechsel an die Wiener Hofoper 1857. Nach einer Reihe von Abschiedsvorstellungen in ihren Glanzrollen hatte sie am 30. 12. 1856 als Linda ihren letzten Auftritt – in jener Partie, in der sie in Prag angetreten war. Nur zu Gastspielen kehrte sie später dorthin zurück. 

Ihre Berufung an die Wiener Hofoper, an der sie von 1857 bis 1875 engagiert war, erfolgte auf Empfehlung von Erzherzog Franz Karl. Eduard Hanslick, der „Bismarck der Musikkritik“ (Verdi), hatte sie dort bereits während eines Gastspiels 1855 gesehen und ihr Engagement empfohlen. In seinen Kritiken besprach er ihre Leistungen ausführlich und zollte ihr großes Lob. So schrieb er etwa, D. sei durch „ihre Gesangsweise und Erscheinung, durch ihre bis zur Unruhe bewegte Innigkeit und reiche blühende Empfindung [...] für die romantische Oper wie geschaffen, und als Dolmetscherin Spohr’s, Weber’s, Meyerbeer’s, Wagner’s schwer zu übertreffen.“ (Sämtliche Schriften I/5, S. 379). Sie werde „in der Darstellung tragischer und heroischer Charaktere gegenwärtig von wenigen deutschen Sängerinnen übertroffen“ (ebd., S. 408). Anlässlich der Wiener Erstaufführung von Gounods Faust (9. 2. 1862), bei der sie die Margarethe sang, sprach er von dem „ihr eigenen Instinct, der, ohne grübelnde Reflexion, lebenskräftig überall das Richtige trifft.“ (ebd. I/6, S. 50).

Wie schon in Prag wirkte D. auch in den Wiener Erstaufführungen von Lohengrin (1858) und Tannhäuser (1859) mit. Richard Wagner, der insbesondere ihre Interpretation der Elsa schätzte, hatte sie außerdem für die Partie der Isolde in der geplanten Aufführung von Tristan und Isolde vorgesehen. Diese kam jedoch, ohne ihr Verschulden, trotz zahlreicher Proben nicht zustande. Am 25. 5. 1869 sang sie in der Eröffnungsvorstellung der neu erbauten Hofoper am Ring die Donna Anna – jene Rolle D.s, von der Wagner erklärte, er habe nie etwas Vollendeteres auf der Bühne gesehen.

D. war auch eine geschätzte Oratorien- und Liedsängerin (Schubert, Mendelssohn Bartholdy, Schumann, Brahms). Unter anderem kreierte sie die Peri in der Wiener Erstaufführung von Robert Schumanns Oratorium Das Paradies und die Peri (1. 3. 1858) und sang 1878 in der Uraufführung von Brahms’ Liebesliederwalzer. Gastspiele führten sie an alle größeren deutschen Bühnen, nach Stockholm (1858) und London (1864). Ihren Bühnenabschied nahm sie am 29. 12. 1875 (als Elsa von Brabant).

Nach ihrer Pensionierung unterrichtete D. 1878–1893 am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. Zu ihren Schülerinnen zählten unter anderem Rosa Papier, Lola Beeth und Sarolta von Rettich-Pirk (in Prag 1885–1896 engagiert). 1860 wurde D. zur Kammersängerin ernannt, ab 1871 war sie Ehrenmitglied der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.

Ihre Schwester Maria M. (1840–1908) war als Schauspielerin unter anderem am Hoftheater Ludwigs II. von Bayern, in Berlin, Hamburg, Prag und St. Petersburg tätig. Sie war die Mutter des unehelich zur Welt gekommenen Gustav Meyrink (1868–1932, aus einer Verbindung mit Baron Friedrich Karl Gottlieb Freiherr Varnbüler von und zu Hemmingen). D.s zweite Schwester Friederike M. debütierte am 8. 7. 1854 als Lorle in „Dorf und Stadt“ am Prager Ständetheater Sie wirkte als Schauspielerin in Frankfurt am Main und unterhielt 1862 eine Liebesbeziehung zu Richard Wagner. Zwischen ihr und D. kam es zum Zerwürfnis.


Weitere Rollen

Iphigenie / Gluck: Iphigénie en Aulide, Iphigenia in Tauris, Rezia / Weber: Oberon, Anna / Marschner: Hans Heiling, Amelia /Verdi: Un ballo in maschera, Leonore / Verdi: Der Troubadour, Genoveva / Schumann: Genoveva, Giulia /Spontini: La Vestale, Rachel /Halévy: La Juive, Mathilde /Rossini: Wilhelm Tell, Giulietta / Bellini: I Capuleti ed I Montecchi; Gräfin / Cherubini: Der Wasserträger; Gabriele / Kreutzer: Das Nachtlager in Granada; Lady Harriet Durham / Flotow: Martha oder Der Markt zu Richmond, Alice /Meyerbeer: Robert der Teufel,  Giralda / Scribe – A. Adam: Giralda oder Die neue Psyche; Frau Fluth /Nicolai: Die lustigen Weiber von Windsor, Bertha / Meyerbeer: Der Prophet, Alaide / Bellini: Die Unbekannte, Anna / Boieldieu: Die weiße Frau, Giovanna /J. Benoni: Giovanna Daponte; Zerline / Auber: Fra Diavolo, Mairose / Halévy: Das Thal von Andorra; Armida /Gluck: Armida; Eva / Wagner, Die Meistersinger von Nürnberg.

Quellen

Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien (Lehrtätigkeit am Konservatorium)

Evangelisch-Reformierte Pfarrgemeinde H.B. Wien, Trauungsbuch 1858

Nachrufe

Neue Freie Presse 3. 3. 1899, S. 5; 5. 3. 1899, S. 18 (Parte)

Wiener Bilder 12. 3. 1899, S. 4 und 6

Prager Tagblatt, 3. 3. 1899, S. 7

Periodika

Almanach des Königlichen ständischen Theaters (deutschen und böhmischen) zu Prag auf das Jahr 1855 – 1857. – Bohemia (Spielpläne und Kritiken der Jahre 1854–1856). – Die Presse 22. 1. 1857 (Abendausgabe), S. 1f. – Deutsche Musik-Zeitung. Organ für Theater und Kunst 16. 1. 1875, S. 1 und 3. 

Literatur

A. Ehrlich (Hrsg.): Berühmte Sängerinnen der Vergangenheit und Gegenwart. Eine Sammlung von 91 Biographien und 90 Porträts. Leipzig o. J., S. 38f.

W. Bennecke, Das Hoftheater in Kassel von 1814 bis zur Gegenwart, Kassel 1906, s. Reg.

R. v. Perger, Geschichte der k. k. Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, 1. Abteilung, Wien 1912, S. 283, 324

M. Prawy, Die Wiener Oper, Wien – München – Zürich 1969, s. Reg.

E. Hanslick: Aus meinem Leben. Mit einem Nachwort hrsg. von P. Wapnewski, Kassel – Basel, 1987, s. Reg.

F. Smit: Gustav Meyrink. Auf der Suche nach dem Übersinnlichen. München, Wien 1988 (zu Maria Meyer und Gustav Meyrink)

E. Hanslick. Sämtliche Schriften. Historisch-kritische Ausgabe. Bd. I/3: Aufsätze und Rezensionen 1855–1856, hrsg. und kommentiert von D. Strauß, Wien – Köln – Weimar 1995, s. Reg., Bd. I/4: Aufsätze und Rezensionen 1857–1858, 2002, s. Reg., I/5: Aufsätze und Rezensionen 1859–1861, 2005, s. Reg., I/6. Aufsätze und Rezensionen 1862–1863, 2008, s. Reg. 

Chronik der Wiener Staatsoper 1869–2009, 2. Teil: Künstlerregister, zusammengestellt von Andreas und Oliver Láng, Wien 2009, S. 64.

Teuber III, 1888, S. 425, 451, 458f., 460, 462, 465, 467, 468, 469, 470, 472, 474, 487, 531, 670, 874.

Eisenberg, Grove-opera, HLW, Kosch, Kutsch, Reden-Esbeck, Wagner Lexikon, Wurzbach

Zu Friderike Meyer

Bohemia 9. 7. 1854, Gastspiele 8. 7., 29. 7., 28. 8., Almanach des Königlichen ständischen Theaters (deutschen und böhmischen) zu Prag auf das Jahr 1855, s. 46     

Porträts

Lithographie von Josef Kriehuber, 1860

E. Hanslick, Sämtliche Schriften I/3, 1995, S. 379 (Gemälde von Friedrich Amerling)

A. Ehrlich (Hrsg.): Berühmte Sängerinnen der Vergangenheit und Gegenwart. Eine Sammlung von 91 Biographien und 90 Porträts. Leipzig o. J., S. 38.

Deutsche Musik-Zeitung. Organ für Theater und Kunst 16. 1. 1875, S. 1

Wiener Bilder 12. 3. 1899, S. 4

Lebensereignisse

  • 22.8. 1831: Geburt, Aachen (D)
  • 2.3. 1899: Tod, Charlottenburg (Berlin, D)

Andere Namen

Meyer (Marie) Louise


Bildung: 30.11.2012

Autor: Eva Offenthaler