Frey, Marie Magdalena

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Marie Magdalena Frey
* 1812 Wien
24. 8. 1870 Prag
Schauspielerin

Ihr Vater Jakob Bernard Frey (1784 – 1836) war Schauspieler und Regisseur, ihre Mutter Elisabeth Frey Schauspielerin, ihr Bruder August Johann Frey (1829 – 1897) Direktor einer fahrenden Theatergesellschaft. Sie debütierte in Kinderrollen in Graz, wo ihr Vater Regie führte. 1831 und 1833 trat sie als Gast in Brünn auf. 1834 siedelte sie nach Prag um, wo sie Stammmitglied des Ensembles des Ständetheaters im Rollenfach Naive und sentimentale Liebhaberinnen war (Deborah, Mosenthal: Deborah), später dann im Rollenfach Salondamen und ehrwürdige Mütter. Oft spielte sie zusammen mit ihrem Mann, dem Schauspieler Friedrich Frey (1824 – 1892).

Am Ständetheater in Prag wirkten drei Mitglieder der Familie Frey: der Schauspieler und Regisseur Jakob Bernhard Frey (1784–27. 9. 1836 Prag), seine Tochter, die Schauspielerin Marie Magdalena Frey, und ihr Ehemann mit demselben Nachnamen, der Schauspieler Friedrich Frey. Schauspieler und Direktor einer Wandertruppe war auch Maries Bruder August Johann Frey (1829 Graz – 18. 9. 1897 Freudenthal), der auf dem Gebiet von Österreich und Mähren tätig war, ähnlich wie sein Sohn Gustav Frey, der auch in Westböhmen und in Böhmisch Krumau in Erscheinung trat.

Zum Zeitpunkt von Maries Geburt war Bernhard F. Schauspieler und Regisseur am Theater an der Wien. Die Mutter Elisabeth besaß ein Haus in der Wiener Vorstadt Laimgrube und war ebenfalls Schauspielerin. Marie war das älteste von neun Kindern. In der Saison 1818/1819, unter Direktor Heinrich Schmidt, wirkte Bernhard F.? am Stadttheater in Brünn. Zwischen Januar und April ist er hier als Choreograf (eher Regisseur) einiger Inszenierungen verzeichnet. Marie wuchs im Theaterumfeld auf, zeigte von Kindheit an Begabung fürs Schauspiel sowie eine außergewöhnliche Fähigkeit sich Texte zu merken und lernte sehr gut singen. 1820 bekam der Vater eine Stelle als Regisseur in Graz und Marie spielte dort bald Kinderrollen. Als Sechzehnjährige sprang sie für eine erkrankte Schauspielerin in der Rolle der Liebhaberin ein, trat wiederholt auf und wurde engagiert (Rolle: Käthchen / Lessing: Käthchen von Heilbronn, Marie / Raupach: Der Müller und sein Kind). Im Mai 1831 gastierte sie mit ihrem Vater am Brünner Stadttheater, 1833 absolvierte sie dort allein 16 Gastauftritte. Am 1. 5. 1833 spielte sie am Theater an der Wien (Wolff: Presiosa) und wurde nach zwei weiteren Auftritten engagiert (Franziska / Holbein: Liebe kann Alles oder die bezähmte Widerspenstige, eine Umarbeitung der Shakespeareschen Komödie, und Kunigunde / Deinhardstein: Hans Sachs). Mit ihr gemeinsam übernahm Direktor Carl auch ihren Vater, dessen Engagement Marie zur Bedingung ihrer Aufnahme gemacht hatte, da die vielköpfige Familie aus praktischen Gründen zusammenleben musste. Sie lernte neue Rollen (Luise / Schiller: Kabale und Liebe, Yelva / Hell–Müller: Yelva, die russische Waise), trat auch als Lokalsängerin mit Erfolg auf, nahm jedoch das vorteilhafte Angebot, in dieses Fach zu wechseln, nicht an, da sie im gehobenen Bereich des dramatischen Schaffens bleiben wollte. Dank der Eintrittskarten ins Hofburgtheater, die sie von Graf Czernin erhielt, konnte sie die Leistungen der führenden Schauspieler studieren.

Zu Ostern 1834 siedelte die Familie nach Prag über. Als der Wiener Direktor Johann August Stöger das Ständetheater übernahm, bot er Tochter und Vater ein Engagement an. Marie wurde als Naive und sentimentale Heldin aufgenommen (zwei Probeauftritte: am 3.5. Polixena / Albini: Kunst und Natur und am 14. 5. Julie / Bauernfeld: Die Bekenntnisse). Für das gewählte Fach qualifizierte sie ihr hübsches Aussehen, die zierliche Figur und eine natürliche, kultivierte Sprache. Sie spielte auch Knabenrollen (1844: der kleine Richelieu / Heine, frei nach dem Französischen: Der erste Waffengang). Mit ihrer Bühnenerfahrung reihte sie sich gut unter die routinierten Prager Schauspieler Ferdinand Polawsky, Margarethe Binder, Franz Feistmantel und Franz Rudolf Bayer ein, die ihre Partner wurden. Ihr Vater arbeitete nur für kurze Zeit in Prag. Seine größte Aufgabe war die Regieführung bei der Vorstellung zur Prager Krönung Kaiser Ferdinands I. und seiner Frau im September 1836 (Meyerbeer: Der Kreutzritter in Aegypten, Dessauer-Ebert: Lidwinna, Erstauff.). Bernhard F. studierte die beiden ungewöhnlich reich ausgestatteten und aufwändigen Opern ein, kurz vor der Premiere von Lidwinny (am 30. 9. 1836) erlag er jedoch der Cholera. Die Nachricht von seinem Tod ging im feierlichen Geschehen unter und die Bohemia kommentierte sie erst am 7. Oktober, in Zusammenhang mit einer Schauspielaufführung zugunsten der Familie. Seinen Platz nahm Ferdinand Valentin Ernst ein.

Marie kümmerte sich fortan allein um die Mutter und ihre Geschwister, und die Familie war oft in Not. Andererseits schuf sie sich eine gute Position als Schauspielerin, widmete all ihre Anstrengungen ihrer Arbeit und wuchs künstlerisch mit den ihr anvertrauten Aufgaben. Sie erwarb sich die Achtung der Prager Gesellschaft und wurde in adeligen Familien empfangen. F. wirkte in keiner tschechischen Vorstellung mit, spielte nur auf Deutsch und blieb auf Stögers Wunsch eine der Hauptstützen seines Ensembles. In Stögers Neuem Theater in der Rosengasse trat sie nicht auf, um ihre Kräfte auf das Ständetheater zu konzentrieren. Ab den vierziger Jahren war sie das wichtigste weibliche Ensemblemitglied und erhielt ab 1841 die höchste Gage unter den Schauspielerinnen. Direktor Johann Hoffmann, der Stöger 1842 ablöste, überließ ihr das Fach der ersten Liebhaberin. 1843 gastierte sie mehrmals, vor allem aus finanziellen Gründen: Im September absolvierte sie sechzehn Aufführungen in Graz) und Ende September / Anfang Oktober trat sie viermal mit großem Erfolg am Wiener Hofburgtheater auf; nach den anerkennenden Reaktionen des Publikums und der Kritik erhöhte Direktor Holbein das versprochene Honorar um ein Drittel. Es wurde ihr ein Engagement angeboten, das sie im Hinblick auf die familiäre Situation ablehnte. 1845 trat sie einige Male in Dresden auf. Der künstlerische Höhepunkt dieses Abschnitts ihrer Laufbahn war die Rolle der Deborah in Mosenthals gleichnamigem Drama, das außergewöhnlichen Erfolg hatte (Erstauff.  31. 5. 1849). Danach verzichtete F. zunehmend auf Rollen als sentimentale und tragische Liebhaberin und begann Salondamen zu spielen. Ab Mitte der 50er-Jahre, nach der Rückkehr von Direktor Stöger, verkörperte sie dann Heldenmütter.

Ihr Leben änderte sich am 18. 6. 1854, als sie in Prag heiratete. Ihr Ehemann wurde Friedrich Frey, Mitglied des Prager Ensembles seit 1852, mit dem sie mehrmals auf der Bühne zusammenarbeitete und der ihr half, die große Familie zu versorgen. Mit 1. 10. 1854 hatte sie Anspruch auf Pension, setzte aber ihre künstlerische Tätigkeit fort. 1864 feierte sie das dreißigjährige Jubiläum ihrer Tätigkeit am Prager Theater (Königin Elisabeth / Laube: Graf Essex, bei dieser Gelegenheit druckte die Bohemia in drei Nummern einen biografischen Text von J. Gundling). In den letzten Jahren verschlechterte sich ihr Gesundheitszustand. Nach der Vorstellung am 16. 7. 1870 erkrankte sie schwer und trat nicht mehr an die Öffentlichkeit.

Die schauspielerische Persönlichkeit Marie F.s hatte sich von Anfang an unter der Aufsicht ihres Vaters entfaltet. Den von J. Gundling übermittelten Erzählungen nach war die väterliche Erziehung vor allem auf professionelle Sorgfalt, Solidität und Verlässlichkeit ausgerichtet. Maria achtete auf die Sprechkultur, pflegte sorgfältig ihre Technik und durchdachte die Deklamationen entsprechend dem Charakter der Rollen. Im Hinblick auf diese Fähigkeit wurde sie auch mit dem Vortrag von Prologen, Gedichten und Ansprachen bei verschiedenen Feiern betraut (u.a. in zwei Vorstellungen beim Besuch des Kaiserpaares im Juni 1854). Der Kommentar zu ihrem Auftritt am Hofburgtheater 1843 in der Wiener Zeitschrift Der Humorist würdigt wohlwollend die angemessene Verwendung von Ausdrucksmitteln, die Abwesenheit jedweder Manier und die durchdachten ausdrucksvollen Gesten, mit denen die Schauspielerin heftige Gemütsbewegungen darstellte und die Beifall auf offener Bühne hervorriefen. Sie gehörte zu den am längsten wirkenden und künstlerisch ausdrucksvollsten Persönlichkeiten des Schauspiels am Ständetheater des 19. Jahrhunderts.


Jakob Bernhard Frey, Regie und Tanzarrangement in Brünn

1819: 18. 1. K. Meisl: Die Schwalbenwanderung, Posse mit Gesang, Musik I. Schuster; 25. 1. Ch. S. Catel: Semiramis, Königin von Babylon, große heroische Oper, aus dem Franz. von Castelli; 8. 2. E. von Lannoy: Libussa, Königin von Böhmen und Mähren und die Begründung Prags, aus dem Italienischen; 1. 3. F. F. Rosenau: Sepherl oder: Die schöne Harfenistin aus dem Lerchenfeld, Parodie mit Gesang, Musik F. Volkert; G. Schmitt: Ifigenia, die Feuerkönigin, oder Kasperls Schlittenfahrt bei den Lappländern, Zauberspiel mit Gesang, Musik F. Stein; 2. 4. J. A. Gleich: Der daumenlange Hansel, Volksmärchen mit Gesang. 1831: 17. 6. Anon.: Der Ritter mit dem rostigen Harnische und Marcebille, Prinzessin von Babylon, Musik J. Hnojil. 

Marie Frey, weitere Rollen in Prag - Auswahl

1835: Bertha /E. Raupach: Robert der Teufel; Pauline /Kotzebue: Das getheilte Herz; Marie /E. Raupach: Müller und sein Kind; Christine /Th. Hell: Die Königin von 16 Jahren; Franziska /Shakespeare-Holbein (bearb.): Liebe kann alles oder Die gezähmte Widerspenstige; Klärchen /F. Holbein: Der Verräther; 1836: Mirza /Grillparzer: Der Traum ein Leben; Lisette /C. Töpfer: Der Pariser Taugenichts; Mlada /Wenzig: Wlasta. 1837: Esmeralda /Ch. Birch-Pfeiffer: Der Astrolog und sein Knecht. 1838: Clara /C. Töpfer: Die Zurücksetzung; Präsidentin /Braun: Die Großtante; Luzie /Bauernfeld: Das Tagebuch; Caprizzi /Pillwitz: Rataplan, der kleine Tambour; Witwe /L. Schneider: Die beiden Foster oder Die Witwe von Cornhill; Bianka /Shakespeare: Die Widerspenstige; Zelma /Ch. Birch-Pfeiffer: Peter von Scapar oder Der Held in Sklavenfesseln; Luise /I. F. Castelli: Erste Liebe oder Die Jugend-Erinnerung; Kunigunde /Deinhardstein: Hans Sachs; Thekla /Schiller: Wallenstein; Effie /Lebrün: Der Wetterableiter; Mirandolina /Goldoni: Mirandolina; Die Dame /Bulwer: Die Dame von Lyon; Ratclifs Schwester /Cumberland, übersetzt von Brockmann: Der Jude; Henriette /C. Töpfer: Der Tagesbefehl; Therese /Kotzebue: Der arme Poet; Johanna /Schröder: Das Portrait der Mutter; Luise /Schiller: Kabale und Liebe; Jessika /Shakespeare: Kaufmann von Venedig; Leonore /Schiller: Fiesco; Luise /von Steigentesch: Die Mißverständnisse; Biondina /Rellstab: Die Venetianer; Hermanie /Hermann nach Scribe: Der Maler; Die Braut /Hermann: Drei Stunden vor der Hochzeit; Frau Breitenstein /Cosmar: Onkel und Neffe; Criemhild /E. Raupach: Die Nibelungen; Therese /Hopp: Elias Regenwurm. 1839: Philippine, Nichte /E. Raupach: Vor hundert Jahren; Gemahlin /Hänsler: Donauweibchen; Ziehtochter/ Schickh: Treff-König oder Spieler und Todtengräber; Hedwig /Amalie von Sachsen: Der Pflegevater; Hertha /E. Raupach: Der Zeitgeist. 1840: Comtesse /Forst und Lentner aus dem Franz.: Ein Drama ohne Titel; Irene /E. von Schenk: Belisar; Anna /Shakespeare: König Richard III.; Marie Winter /Gutzkow: Werner oder Herz und Welt. –1849: Deborah /Mosenthal:Deborah. 1852: Medea /J. Benda: Medea, Melodram; Beatrice /Shakespeare: Viel Lärm um Nichts. 1853: Bathseba /A. Meissner: Das Weib des Urias. 1854: Virginie /E. Jerrmann: Lady Tartuffe. 1855: Thusnelda /F. Halm: Der Fechter von Ravenna, Margarethe von Parma /Goethe: Egmont. 1856: Hero /Grillparzer: Des Meeres und der Liebe Wellen, Die Meisterin /Schiller: Das Lied von der Glocke, Melodram. 1857: Die alte Fadet /Ch. Birch-Pfeiffer: Die Grille. 1858: Die Generalin von Mansfeld /Ch. Birch-Pfeiffer: Mutter und Sohn, Fürstin Henriette /H. Hersch: Die Anna-Lise. 1859: Gräfin Lesnéve /E. Scribe–Th. Gassmann: Fee’n-Hände, Madame Laroque /O. Feuillet: Ein armer junger Mann (Eröffnung des Neustädter-Theaters). 1863: Ute /Hebbel: Die Nibelungen, Der gehörnte Siegfried. 1865: Gertrud /P. Heyse: Hans Lange.1867: Lea /O. Ludwig: Die Makkabäer

Quellen

Das Geburtsjahr 1812 wurde aus offiziellen Quellen übernommen: Prag, Policejní ředitelství I [Polizeipresidium I], Konskription 1850–1914, Karton 130, Bild 664. Eingetragen Franz Jakob Bernhardt Frey (geb. 1784) und seine 9 Kinder, u.a. Marie Magdalena, geb. 1812. – Archiv hlavního města Prahy [Archiv der Hauptstadt Prag], census 1830–1910, Aufnahmsbogen, Marie Magdalena Frey, geb. 1812, Prager Bürgerrecht erteilt 31. 10. 1854.

Periodika

Der Humorist [Wien], 28. 9. 1843, S. 778; 2. 10. 1843, S. 790, Vorstellungen in Burgtheater

J. Gundling: Maria Frey. Ein Künstlerleben, Bohemia 28. 4. 1864, S. 1136, Bohemia 1. 5. 1864, S. 1232, Bohemia 4. 5. 1864, S. 1262.

Nekrologe: S. Heller: Frau Frey †, Bohemia 25. 8. 1870, Beilage, Nr. 202, S. 3025; ebenda Red., kurze Rekapitulation der künstlerischen Laufbahn. – Neue freie Presse 26. 8. 1870, Nr. 2153, S. 9, Theater und Kunstnachrichten. –Neuer Theater-Almanach, 35, 1871, Berlin 1871, S. 115–118.

Neuer Theater-Almanach 1899, S. 154 (Gustav Frey)

Literatur

Prager Necrologe 1870–1883, Ein Familienbuch, Ed. H. J. Landau, Prag 1883, s. 164

H. A. Mansfeld: Wiener Theaterleute auf Wanderschaft. Passanweisungen des Wiener Magistrates, Konskriptionsamtes in den Jahren 1792–1850, Jahrbuch der Gesellschaft für Wiener Theaterforschung, Wien 1959

Teuber III: Marie M. Frey: S. 193, 199, 202. 206, 216, 217, 219–221 (Geburtsdatum 19. 9. 1815, Eheschließung), 230, 231, 233, 235, 239, 308, 328, 361, 364, 365, 397, 408, 418, 421, 422, 425, 428, 433, 440, 444, 446, 447, 487, 495, 496, 500, 502, 504, 511, 515, 527, 529, 565, 610, 627, 867. – Teuber III (Bernhard Frey): S. 219, 220, 254, 260.

Ferdinand Břetislav Mikovec. Pražská Thálie kolem 1850, Praha 2010, S. 59, 63, 66, 70, 71, 76, 198, 199, 215. [Ferdinand Břetislav Mikovec. Die Prager Thalia um 1850, Edition M.-s  Theaterrezensionen und Publizistik]

Eisenberg (Geburtsdatum 19. 8. 1815), Flüggen, Kosch Th (Geburtsdatum 10. 9. 1815), ODS, Ulrich, Wurzbach (Geburtsjahr 1818); Wurmová

Lebensereignisse

  • 1812: Geburt, Wien
  • 24. 8. 1870: Tod, Prag


Bildung: 30.11.2012

Autor: Jitka Ludvová