Fries, Amalie

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Amalie Fries
* 1823 Münster ?
8.10. 1887 Prag
Schauspielerin, Sängerin

Erstmals tauchte sie 1839 in Detmold als Darstellern zweiter Liebhaberinnen und Naiver auf. Ab 1846 war sie in Prag engagiert, wo sie bis 1885 auftrat. Unter den Direktoren Hoffmann und Stöger trat sie als Liebhaberin in Possen, Lustspielen, volkstümlichen Stücken und in Stücken mit Gesang auf. Sie soll die Freundin des Literaten und Theaterkritikers Ferdinand Mikovec (1826 – 1862) gewesen sein.

Geschrieben auch Amelie. Über ihre Herkunft und ihre Bildung ist nichts bekannt. Sie taucht 1839 am Hoftheater in Detmold (Fürstl. Lippe-Detmoldisches Hoftheater) als beginnende Schauspielerin für kleine Rollen auf. Das Ensemble des Hoftheaters trat auch in Münster und Pyrmont auf. Zu seinen Mitgliedern gehörten eine Reihe von Jahren auch „Fries senior“ (ohne Vorname) an der Position des Regisseurs, Dekorateurs oder Kostümbildners und „Fries junior“ als Schauspieler – ein „Naturbursch“, später jugendlicher Liebhaber. Event. verwandtschaftliche Beziehungen zwischen Amalie F. und beiden Männern sind bisher nicht zu belegen. In Detmold wirkte F. in verschiedenen Rollenfächern sechs Saisons lang (als junge Liebhaberin, zweite Liebhaberin). Offensichtlich hatte sie auch eine gute musikalische Ausbildung, da sie auch kleinere Gesangsrollen erhielt. Im Jahre 1845 ging sie nach Bremen, nach einer Saison dort wurde sie zu Ostern 1846 vom neuen Direktor Johann Hoffmann für sein Prager Ensemble engagiert.

In der ersten Saison 1846/47 trat sie in kleineren Solo-Rollen und im Chor auf, in den folgenden Jahren war sie nur als Solistin engagiert. Sie gehörte zu den wenigen Persönlichkeiten, die fast ihr gesamtes Leben im Prager Engagement verblieben. Sie wirkte unter vier Direktoren (J. Hoffmann 1846–1852, Johann August Stöger 1852–1858, Franz Thomé 1858–1864, Rudolf Wirsing 1864–1876, ab 1876 Eduard und Edmund Kreibig). 1878 erlangte F. einen Pensionsanspruch. Da sie sich jedoch immer noch in guter Form befand (Teuber: „noch immer eine rüstige Dame von stattlicher Erscheinung“), wurde sie zu Gastspielen eingeladen. Vom Theater verabschiedete sie sich definitiv erst 1885 nach Konflikten mit dem neuen Direktor Angelo Neumann: F. wollte zu Ostern 1886 das 40. Jubiläum ihres Wirkens in Prag begehen, doch Neumann war nach seinem Amtsantritt 1885 nicht bereit, weiter mit ihr zusammenzuarbeiten.

Auf der Prager Bühne stellte F. nie erste Rollen dar, in diesen dominierte damals Marie Magdalena Frey (in Prag 1834–1870), trotzdem aber gehörte sie zu den markanten und gut sichtbaren Persönlichkeiten. Der Nekrolog in der Zeitschrift Bohemia führt an sie habe eine deutliche schauspielerische Begabung vermissen lassen, diese aber durch eine ungewöhnliche Gewissenhaftigkeit, Fleiß und die Fähigkeit, sich ein breites Repertoire zu bewahren, ersetzt. Sie verfügte über ein attraktives Äußeres. Unter den Direktoren Hoffmann und Stöger  brillierte sie vor allem als Liebhaberin in zeitgenössischen Possen, Lustspielen und Volksstücken (Kaiser, Anton Langer u. a.), die ab 1849 in der Arena in der Pštroska, auf der Sommerbühne des Ständetheaters, gegeben wurden. Dem Nachruf im Prager Tagblatt zufolge schuf sie in diesen Jahren einen „Anziehungspunkt für die elegante Herrenwelt“. Sie trat in Stücken mit Gesangsnummern auf (Modistin Lucrezia Blond, C. Juin und L. Flerx: Die Jagd nach dem Strohhute; Schauspielerin Lisi, Nestroy: Theaterg’schichten durch Liebe, Intrique, Geld und Dummheit u. a.) Ihr Repertoire geht aus dem Programm ihrer Benefizvorstellung in der Arena in der Pštroska am 29. 8. 1854 hervor: Fliegende Blätter, oder Knallraketen des Guten Humors, Humoristisch-musikalischer Strauss gebunden aus drei Bouquets, darin ein Gemisch aus Szenen und Auftritten in erfolgreichen Vorstellungen (Gesänge aus dem Stück Der Bauer als Millionär, ein Akt aus der Komödie Der Theaterdirektor in tausend Ängsten u. ä.) In der Oper wurden ihr kleine Rollen oder Ensemblerollen anvertraut (z. B. Hedwig, Tells Gattin, Rossini: Tell; Ein Landmädchen, Auber: Die Stumme von Portici; Eine Dame im Gefolge, Meyerbeer: Der Prophet u. a.). In der Rolle der Anna, der Verlobten eines Offiziers, trat sie in der Uraufführung der Oper von Johann Friedrich Kittl Die Bilderstürmer auf (Ständetheater 20. 4. 1854). Einige Lustspielrollen verkörperte sie über mehrere Jahre hinweg; z. B. spielte sie die Figur der Ulrike (Benedix: Die zärtlichen Verwandten) erstmals in Prag am 10. 2. 1866, danach in 26 Reprisen bis 1878 und erneut als Gastspielrolle in einer Neueinstudierung am 23. 7. 1880. Im klassischen und bürgerlichen Repertoire spielte sie zweite Salondamen, Vertraute, Nachbarinnen und ähnliche Episodenrollen. Nach ihrem Ausscheiden aus dem Engagement gastierte sie auch in Operetten (z. B. 1883, Juno, Offenbach: Orpheus in der Unterwelt).

Sie freundete sich mit den tschechischen Kollegen an, sie soll die Freundin des Publizisten, Theaterkritikers und Herausgebers der tschechischen Zeitschrift Lumír Ferdinand Mikovec (1826–1862) gewesen sein, der im deutschen und im tschechischen Umfeld verkehrte. Offensichtlich lernte sie teilweise Tschechisch und trat ausnahmsweise auch in einer tschechischen Vorstellung auf (1847, K. V. Slanský [eigentl. K. A. Vinařický]: Jan slepý, hrdinský král Čechů [Johann der Blinde, heldenhafter König der Tschechen], Rolle des Schwarzen Prinzen).

Sie blieb unverheiratet und verstarb nach einer kurzen plötzlichen Krankheit. Beigesetzt wurde sie in Prag. Dank ihres spezifischen Talents erwies sie dem Prager deutschen Theater für lange Zeit nützliche Dienste.


Quellen

Nationalarchiv, Polizeidirektion I., Konskription, Karton 133, Abb. 787, hier angeführt: „Geb. [in] Münster 1827 [?], nach Detmold zuständig. Heimatschein Magistrat Detmold 20. 7. 1851, unbest[immte] Zeit, Pass Magistrat Detmold 20. Juni 1862 (3 Jahre)“. Das Geburtsjahr 1827 ist hinsichtlich des nachweislichen Beginns ihrer Schauspielkarriere im Jahre 1839 unwahrscheinlich. – Theaterzettel zur Vorstellung im Ständetheater 1846–1887, Theaterabteilung des Nationalmuseums in Prag.

Periodika

Almanach Für Freunde der Schauspielkunst auf das Jahr 1839, Berlin 1840, S. 283, …auf das Jahr 1844, Berlin 1845, S. 320 [Weggang nach Bremen]. – Almanach des königl. ständischen Theaters zu Prag auf das Jahr 1847, S. 8, 10, 15 [Beginn des Prager Engagements]. – Nekrologe: Prager Tagblatt 9. 10. 1887, S. 3. – Bohemia 9. 10. 1887, S. 4.

Literatur

O. Teuber: Geschichte des Prager Theaters, III, 1888, S. 351, 361, 480, 495, 565, 590, 595, 609, 663, 727

Ferdinand Břetislav Mikovec. Pražská Thálie kolem 1850 [Die Prager Thalia um 1850 – Ausgabe von Kritiken und Dokumenten], Praha 2010, S. 121

Eisenberg, Flüggen, Kosch Th, Ulrich (Geburtsjahr 1823)

Lebensereignisse

  • 1823: Geburt, Münster ?
  • 8.10. 1887: Tod, Prag

Andere Namen

Amelie


Bildung: 10.01.2014

Autor: Jitka Ludvová