Knaack, Wilhelm Christoph

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Wilhelm Christoph Knaack. https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Knaack#/media/File:Wilhelm_knaack.png
Wilhelm Christoph Knaack
* 13.2. 1829 Rostoky (Rostock), Německo
29.10. 1894 Vídeň
Schauspieler

Er begann als Schauspieler bei einer fahrenden Gesellschaft in Mecklenburg. Ab 1856 war er unter Direktor Stöger im Prager Ständetheater engagiert, wo er in grotesk-komischen Rollen im Genre der Burleske (Posse, Schwank) brillierte. Auf der Bühne sah ihn Johann Nestroy, der ihn ans Wiener Carlstheater brachte. Knaack verkörperte hier mit außergewöhnlichem Erfolg eine Reihe von Rollen in Nestroys Stücken (Schafhirt in der Tannhäuser-Parodie). Nach Nestroys Tod bildete er zusammen mit Karl Blasel und Josef Matras ein populäres Schauspieltrio. Sein Sohn Julius Wilhelm Friedrich (1858 – 1941) war Regisseur und Charakterkomiker. Er wirkte in Troppau, Reichenberg, Pilsen und Prag.

Sohn eines Schiffskapitäns. Schon sehr früh verwaist, verlebte K. in Rostock eine entbehrungsreiche Kindheit und frühe Jugend. Seine Begabung für den Schauspielerberuf zeigte sich erstmals 1846, als er bei einer Wohltätigkeits-Aufführung in einer Soloszene auftrat. 1847 schloss er sich einer Wandertruppe an, mit der er in Stralsund, Greifswald und Güstrow gastierte.  Es folgten Engagements in Lübeck (1848/1849), bei einer reisenden Gesellschaft in Mecklenburg, 1850 vorübergehend an einem Sommertheater in Berlin; im selben Jahr wurde er für Erste komische Rollen nach Danzig verpflichtet. K. ging von dort 1852 an das Friedrich-Wilhelmstädtische Theater in Berlin, an dem er u. a. als Ippelberger und Piepenbrinck reüssierte. Auf Empfehlung Heinrich Laube, des Direktors des Wiener Hofburgtheaters, absolvierte er am 21. 4. 1856 am Prager Ständetheater (Direktion Stöger) ein überaus erfolgreiches Probegastspiel (Jude Meyer; Kandidat Miller) und wurde engagiert. Die Absicht Laube, ihn über Prag für feinkomische Charakterrollen ans Hofburgtheater heranzuführen, sollte sich jedoch nicht verwirklichen, da die Stärke K.s, der eigentlich als Ersatz für den verstorbenen Vertreter dieses Faches am Ständetheater, Louis Grauert, gedacht war, im Grotesk-Komischen lag, eine Fähigkeit, die er im burlesken Genre (die komischen Offenbach-Rollen, Posse, Schwank, burleske Soloszenen u. dgl.) ausleben und zu größter Publikumswirkung bringen konnte; so begleitete er zum Beispiel mit größter Virtuosität einen vom Orchester gespielten Marsch aus Meyerbeers Der Prophet mit einem mit Fäusten, Ellenbogen und Füßen exekutiertem „Trommelkonzert“ (als Einlage zu der Parodie Der Fechter von Berlin). 

Entscheidend für seine weitere Karriere war es, dass er bei seiner Prager Benefizvorstellung, der auch Johann Nestroy beiwohnte, von diesem an das von ihm geleitete Wiener Carltheater gebracht wurde (Nestroy hatte ihn auch schon anlässlich eines Gastspiels am Friedrich-Wilhelmstädtischen Theater gesehen). K. erzielte schon in seinen beiden ersten Rollen am Carltheater (25. 4. 1857 als Kandidat Miller; 6. 5. 1857 als Pfeffer) einen außerordentlich großen Erfolg. Unter seinen Auftritten zu Lebzeiten Nestroys sind besonders der als Schafhirt in Nestroys Tannhäuser-Parodie (1857) hervorzuheben, dessen durchschlagend komische Wirkung sogar der strenge Wiener Musikkritiker Eduard Hanslick zu würdigen wusste. Ein ihn in der Rolle des Hans Styx – mit Nestroy als Jupiter – in Offenbachs Orpheus in der Unterwelt darstellendes koloriertes Szenenbild (Adolf Dauthage, 1860) nimmt in der Nestroy-Ikonographie einen wichtigen Platz ein und gibt darüber hinaus ein charakteristisches Bild von der Physiognomie und  darstellerischen Eigenart K.s. Nach dem Tod Nestroys (1862) übernahm K. am Carltheater die meisten von dessen Rollen und bildete in der Folge zusammen mit Karl Blasel und Josef Matras das hervorragende und überaus populäre Komikerterzett dieser Bühne, an die er  (nach einem Engagement am nur kurzlebigen Wiener Kai-Theater, einer Amerikatournee 1882, einer darauf folgenden vorübergehenden Verpflichtung ans Wiener Stadttheater und ausgedehnter Gastspieltätigkeit an allen größeren Bühnen Deutschlands, aber auch z. B. in Pest und Odessa) 1888 endgültig zurückkehrte. Von seinen weiteren Gastspielen seien jene in Brünn (1872, 1890, 1893) und insgesamt 60 Auftritte am Prager Neustädter Theater (1859, 1865, 1874, 1877, 1879 und 1880) genannt. K. starb an einer Lungenentzündung, nachdem er kurz vorher noch die Titelrolle im Singspiel „Fürst Malachoff“ von Julius Stern gespielt hatte.                 

K.s Meisterschaft in der Kombination aller denkbaren grotesken Ausdrucksmittel, seine Kunst der Maske (er trat oft an einem einzigen Abend in mehreren völlig divergierenden Rollencharakteren auf), seine Fähigkeit, Gesangsrollen aus dem Opernrepertoire zu parodieren, seine akrobatische Gelenkigkeit und seine sprachlich virtuosen Wortverdrehungen stehen in einem Spannungsverhältnis zu seinen in den Wiener Jahren unter Beweis gestellten Fähigkeiten, sein Publikum auch als „studierender Schauspieler“ (u. a. in den Nestroy-Rollen) zu gewinnen und seiner hohe Meinung von den Aufgaben des Schauspielers. Für die Ernsthaftigkeit auch des Privatmannes K. spricht seine  Beschäftigung mit Fragen der Bibel (obwohl evangelischen Glaubens, stand er in wissenschaftlicher Korrespondenz mit dem Erzbischof von Kalocsa Ludwig Haynald), aber auch sein Beitritt (bereits 1854) zu einer Rostocker Freimaurerloge. Seine anerkannte Stellung  in der Wiener Gesellschaft zeigt sich u. a. in der Verehelichung (1878) seiner Tochter Justine  mit dem Teilhaber der hochangesehenen Wiener Weingroßhandlung Gustav Samuel Schlumberger, Edlem von Goldeck. Eine Schwägerin Justines heiratete 1876 den späteren östereichischen Ministerpräsidenten Paul Freiherrn Gautsch v. Frankenthurn.

K.s Sohn Julius Wilhelm Friedrich (Willi) (*21. 11. 1858 Wien; +um 1941, Bayreuth) ist als Gesangs- und Charakterkomiker erstmals in der Saison 1892/93 in Wiener Neustadt, ab 1894/95 u. a. in Troppau, Reichenberg, Czernowitz, Pilsen, 1904 in Prag als Oberregisseur (verehelicht mit Henriette, geb. Glattauer, Theatername Bella Ferrary), in den Saisonen 1910/11 – 1913/14 in Berlin (Tournee-Ensemble Leonhardy – Haskel), dann 1921/22 und wieder 1925/26 am Städtischen Schauspielhaus (bzw. Opernhaus) in Bayreuth nachweisbar, wo er danach ohne Engagement lebte.   

Karl K. (*19. 10. 1881, Klagenfurt; +15. 1. 1944 Königsberg/Kaliningrad), Sohn von Julius Wilhelm Friedrich K., ist erstmals in der Saison 1898/99 in Wiener Neustadt (Sänger und kleinere Rollen) nachweisbar. Er war dann in Innsbruck, Budweis, in der Saison 1901/02 am Jantschtheater in Wien, 1902/03 als Schauspieler und Sänger am Berliner Centraltheater, 1905/06 in New York (Irving Place Theater), 1907/08 – 1909/10 am Dresdener Residenz-Theater engagiert und schließlich ab der Saison 1917/18 bis zur Saison 1926/27 (mit Unterbrechungen) am Neuen Schauspielhaus in Königsberg als Spielleiter und Regisseur tätig.   


Rollen

Cesar (G. Belly: Monsieur Herkules); Lasenius (Th. Hell: Der Hoffmeister in tausend Nöten); Charlotte (!) (A. Bergen: Eine Vorlesung bei der Hausmeisterin); Ippelberger (A. Görner: Englisch); Piepenbrinck (G. Freytag: Die Journalisten); Abraham Meyer (F. Junger: Man sucht einen Erzieher); Kandidat Miller (A. Elz: Müller und Miller); Schreiber Pfeffer (K. A. Lebrun: Nro. 777); Fips (A. v. Kotzebue: Schneider Fips); Brösel (J. Offenbach: Salon Pitzelberger); Saradrap (J. Offenbach: Die Prinzessin von Trapezunt); Baron Gondremark (J. Offenbach:  Pariser Leben); Hans Styx (J. Offenbach: Orpheus in der Unterwelt); Geyer (F. v. Suppé: Flotte Bursche); Marquis de Brickville (Meilhac – Halévy: Spätsommer); Lanzelot Gobbo (W. Shakespeare: Der Kaufmann von Venedig); Sockel (F. Raimund: Der Verschwender); Habakuk (F. Raimund: Der Alpenkönig und der Menschenfeind);  Pitzl (J. Nestroy: Umsonst); Klapproth (W. Jacoby – C. Laufs: Pension Schöller), etc.  

Quellen

Evang. Pfarre A. B., Wien. – Wiener Stadt- und Landesarchiv, Wien. – Národní archiv, Policejní ředitelství I, konskripce, karton 273, obr. 952  (Julius Wilhelm Friedrich K.). – Theaterzettel, Österreichisches Theatermuseum, Wien. – 51 Rollenbilder und Privataufnahmen, Österreichische Nationalbibliothek, Bildarchiv und Grafiksammlung, s. BAK-Index. – 156 Briefe, Wienbibliothek im Rathaus, Handschriftensammlung, Wien.

Periodika

Wiener Theaterzeitung, 28. 4., 8. 5. 1857. – Der Humorist, 22. 3., 3. 5. 1862. – Kikeriki, Jg. 5, Nr. 8, 23. 2. 1865 (Karikatur). – Wiener Theater-Chronik, Jg. 9, Nr. 45, 10. 8. 1867, Nr. 46, 15. 8. 1867. – Die Bombe, Jg. 4, Nr. 46, 15. 11. 1874 (Karikatur). – Illustrirtes Wiener Extrablatt, 22. (Rollenbilder), 23. 4. 1882, 29., 30. 10. 1894. – Fremden-Blatt, 29. 10. (Abendblatt), 30.  10., 1. 11. 1894. – Neue freie Presse, 29., 30. 10. 1894. – Oesterreichische Volkszeitung, 29. 10. 1894. – Neues Wiener Journal, 17. 7. 1924. – Neuer Theater-Almanach, Jg. 7, 1896, S. 1896 (Wilhelm Christoph). – Neuer Theater-Almanach, Jg. 4ff., 1893ff. (Julius Wilhelm Knaack). – Neuer Theater-Almanach, Jg.10ff., 1899ff. (Karl Knaack); Deutsches Bühnen-Jahrbuch, Jg. 56, 1945/48, S. 27 (Karl Knaack).

Literatur

O. Teuber, Geschichte des Prager Theaters, III, 1888, S. 418, 442f., 479, 523, 631, 743

L. Rosner, 50 Jahre Carl-Theater (1847 – 1897), 1897, S. 13, 16, 22, 24, 26, 37, 39

G. Bondi, 25 Jahre Eigenregie. Geschichte des Brünner Stadttheaters 1882 – 1907, 1907, S. 78, 103, 236

E. Hanslick, Aus meinem Leben, 4. Aufl. 1911, Bd. 2, S. 4f.

R. Holzer, Die Wiener Vorstadtbühnen, 1951 (mit Porträt)

H. Schwarz, Nestroy im Bild, 1977, S. 72, 154

J. Nestroy. Sämtliche Werke. Historisch-kritischeGesamtausgabe, hrsg. J. Hein, J. Hüttner, W. Obermaier, W. E. Yates, 1997ff., s. Register, 2010

M. Salzer – P. Karner, Vom Christbaum zur Ringstraße. Evangelisches Wien, 2. Aufl. 2009

ADB, Eisenberg, Freimauerlexikon, Genealogisches Taschenbuch, HLW, Kosch Th, ÖBL, Ulrich

Lebensereignisse

  • 13.2. 1829: Geburt, Rostoky (Rostock), Německo
  • 29.10. 1894: Tod, Vídeň


Bildung: 30.11.2012

Autor: Hubert Reitterer