Korntheuer, Friedrich Joseph

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J. Korntheuer, Porträt. Brünner Theater-Taschenbuch für das Jahr 1814.
Friedrich Joseph Korntheuer
* 15. 2. 1779 Wien (A)
28. 6. 1829 Wien (A)
Schauspieler, Regisseur, Dramatiker, Theaterdirektor

Wiener Schauspieler, der 1809–11 in Brünn auch als Regisseur tätig war. Ab 1813 leitete er das Theater, doch innerhalb kurzer Zeit verschuldete er sich und ging 1815 fort. Ab 1821 spielte er im Wiener Theater in der Leopoldstadt, wo er als Komiker in den Zauberstücken von F. Raimund bekannt wurde.

Sohn eines Wachshändlers. Auf Wunsch der Eltern wurde er Beamter, ging aber recht bald zum Theater. Es feierte sein Debüt am Stadttheater in Klagenfurt am 3. 1. 1803 in Kotzebues Drama Die Verläumdern. Ein Jahr später wurde er als Schauspieler am Wiener Hoftheater engagiert. Von Wien aus ging er 1808 zu E. Schikaneder, der damals Direktor am Stadttheater in Brünn war, K. wirkte hier als Schauspieler und Regisseur. 1811 nahm er ein Engagement am Theater an der Wien an und spielte gleichzeitig erneut am Wiener Hoftheater. Zwei Jahre später erhielt er das Angebot, das Brünner Theater zu leiten, dies tat er ab Ostern 1813. Das Theater sollte er für sechs Jahre pachten, doch aufgrund finanzieller Schwierigkeiten verließ er es nach zwei Saisons. Nach seinem Weggang aus Brünn gastierte K. einige Jahre in Pest, Stuttgart, Graz und Pressburg. Anschließend wirkte er als Regisseur und Schauspieler am Theater an der Wien (1819), ab der Saison 1821/22 war er am Wiener Theater in der Leopoldstadt engagiert, wo er sich als Schauspielpartner von F. Raimund einen Namen machte, der mehrere komische Rollen für ihn schrieb. Im Dezember 1828 ging K. aus gesundheitlichen Gründen weg und starb im darauffolgenden Jahr infolge einer Lungenkrankheit.
Seine Frau war ab 1813 die Schauspielerin Wilhelmine, geb. Bethmann, geschrieben auch Unzelmann, die Tochter der berühmten Schauspielerin Friederike Auguste Caroline Bethmann († 1815, früher verheiratet mit dem Schauspieler Karl Wilhelm Unzelmann, 1754–1832) und des Schauspielers Heinrich Eduard Bethmann (1774–1857).

Obwohl K. vor allem als Schauspieler komischer Rollen bekannt wurde, ist sein Wirken in den böhmischen Ländern vor allem mit der Leitung des Stadttheaters in Brünn verbunden. Im Frühjahr 1813 beendete die Stadt den Vertrag mit dem bisherigen Direktor F. Füger aufgrund von Schulden. Die Gesellschaft von Theaterfreunden bestehend aus Adeligen und Mitgliedern des Stadtrates bat K., die Leitung des Theaters zu übernehmen. Noch im selben Jahr gründete sie einen Fonds für den Betrieb (Kauf von Kostümen, Dekorationen, Honorare) und die Reparaturen am Theater, für den 40.000 Gulden zusammenkamen. Die Stadt sollte neuerdings nur für Maurer- und Klempnerarbeiten verantwortlich sein; die Anfertigung der Dekorationen, die Instandhaltung des Theaterfundus und weitere betriebliche Angelegenheiten sollten vom Pächter finanziert werden. Auf Kosten der Gesellschaft wurde das Theater repariert, neu verziert und mit einer neuen Beleuchtung ausgestattet. K. nahm den Betrieb in dem bereits rekonstruierten Gebäude auf, am19.4.1813 wurde das Drama Hedwig von T. Körner aufgeführt, in dem sich die Schauspielerin vom Theater an der Wien F. Krossek vorstellte. Die Leitung der Oper vertraute K. C. J. Schikaneder an, Kapellmeister war J. Triebensee. Im Theater gastierten regelmäßig Künstler aus anderen Theatern, u. a. der Direktor des preußischen Königlichen Nationaltheaters C. C. C. Döbbelin, der sich hier als Hauptmann Mengkorn (A. Kotzebue: Die Zerstreuten) vorstellte, der Regisseur des Wiener Hoftheaters S. G. Koch als Kriegsrath Dallner in Ifflands Stück Dienstpflicht (Juli 1814) bzw. der Sänger K. F. C. Weinmüller in der Rolle des Richard Boll (I. F. Castelli: Die Schweizer Familie). Beliebtheit bei den Zuschauern erlangte der Direktor auch durch die Aufführung zeitgenössischer Lustspiele, insbesondere von Kotzebue – im Lauf von zwei Jahren führte er in Brünn 46 auf, doch nur ein Bruchteil erlebte eine größere Anzahl an Reprisen. Von den klassischen Schauspielautoren nahm er Goethe (Egmont, Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand), Schiller (Wallenstein), Shakespeare (Julius Caesar, Othello) bzw. Müllner (Die Schuld) ins Repertoire auf. Ein Ereignis wurde die erste Brünner Singspielvorstellung in tschechischer Sprache Strašidlo ve mlejně [Das Gespenst in der Mühle] nach dem deutschen Lustspiel von P. Weidmann Der Bettelstudent in einer Bearbeitung von Vohanek am 7.12.1814 mit Musik von K. F. Rafael. Opernvorstellungen standen bei K. nicht sonderlich viele auf dem Programm, er konzentrierte sich mehr auf das Schauspiel und betraute Kapellmeister J. Triebensee mit dem Komponieren von Musik zu Pantomimen und Balletts. Gelegentlich wurden Singspiele von W. A. Mozart (Mädchentreue oder Cosi fan tutte) aufgeführt.

Korntheuer, Josef Friedrich, Porträt. (Quelle: ÖNB Bildarchiv und Grafiksammlung, sig. PORT_00005871_01, http://data.onb.ac.at/rec/baa3698307)
Bereits nach wenigen Monaten unter K.s Leitung geriet das Theater jedoch in finanzielle Schwierigkeiten, wahrscheinlich aufgrund mangelnder Managerfähigkeiten K.s und der Mitglieder der Gesellschaft von Theaterfreunden. Der Direktor ersuchte die Stadt mehrmals um eine Minderung der Pacht (diese betrug 1.700 Gulden pro Jahr), worauf der Stadtrat nicht einging, und K. ging Anfang 1815 aus Brünn fort. Den Direktorenposten übergab er an H. Schmidt, der ihn offiziell die nächsten vier Jahre vertrat. Innerhalb der zwei Jahre, in denen K. das Theater verwaltete, hob er die Stadtbühne auf ein hohes künstlerisches Niveau, und zwar sowohl durch die Aufführung eines zeitgenössischen Repertoires überwiegend aus dem Bereich Schauspiel, als auch durch seine Verbindungen zu populären Wiener Künstlern, die oft in Brünn gastierten. Die Honorare der gastierenden Künstler, das Engagement vieler Musiker, Investitionen in neue Kostüme und Dekorationen zehrten jedoch schnell das Kapital auf, das die Gesellschaft von Theaterfreunden K. zur Verfügung gestellt hatte. Nach seinem Verzicht auf die Leitung des Theaters widmete sich K. ausschließlich dem Schauspiel.
Als Schauspieler war er erfolgreicher. Anfangs verkörperte er vor allem kleinere komische Rollen, aber auch gesetzte Liebhaber. In Brünn tauchte er auch in tragischen Rollen auf, ein grundlegender Moment für seine schauspielerische Entwicklung war die Begegnung mit dem Schauspieler und Dramatiker F. Raimund; gerade die Rollen in seinen Zauberstücken (Tutu in Barometermacher auf der Zauberinsel, Longimanus in Der Diamant des Geisterkönigs, Bustorius in Das Mädchen aus der Feenwelt oder Der Bauer als Millionär, Narr in Die gefesselte Phantasie) brachten ihm Ruhm und die Anerkennung der Kritik ein. I. F. Castelli beehrte ihn mit dem Zusatz „Komischster aller Komiker“; dieses Epitheton verbreitete sich insbesondere nach dem Tod des Künstlers. K.s schauspielerischer Ausdruck zeichnete sich durch Natürlichkeit und Präzision aus, die Presse hob oft seine durchdachte Darstellung des Charakters der Figuren hervor. Gleichzeitig war er ein begabter Improvisator, der auch durch verschiedene eingestreute Anekdoten auch in kleineren Rollen die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zog, was seine Schauspielkollegen oft nicht so gern sahen. Seine Komik war vor allem volkstümlichen Charakters, seine größten Erfolge hatte er in lokalen Possen, in Rollen von Dummköpfen oder Pantoffelhelden. Neben Raimund waren F. Tomaselli bzw. T. Krones seine Schauspielpartner.

K. verfasste einige Lustspiele und Lokalpossen. Für das Theater in Brünn bearbeitete er das Stück Božena oder Der Kampf mit dem Lindwurm, das die Sage vom Brünner Drachen thematisiert, ergänzt um Gesänge und „mährische Nationaltänze.“ Die Musik stammte von C. J. Schikaneder, die Machinerie des Drachen und die Nachbildung des Brunnens auf dem Krautmarkt vom Machinisten B. Girardoni. Teil des Stücks war auch eine tschechische musikalische Passage, komponiert und in der ersten Einstudierung auch gesungen von K. F. Rafael. Für das Brünner Stadttheater schrieb K. noch die Stücke Das neue Jahr, Leichtsinn und Liebe, Es ist Friede bzw. Beatrix, Gräfin von Hohenfels oder Das Wort des deutschen Mannes. K.s Stücke wurden sporadisch noch einige Jahre nach seinem Tod aufgeführt, waren jedoch nie so beliebt wie die Arbeiten seiner Kollegen F. Raimund bzw. I. F. Castelli.

Dank seines komödiantischen Talents und vor allem seiner Zusammenarbeit mit F. Raimund gehörte K. zu den bedeutenden Schauspielern der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die wirtschaftlich gescheiterte, jedoch künstlerisch ambitionierte Leitung des Theaters in Brünn zwang ihn, auf eine Laufbahn als Direktor zu verzichten; er konzentrierte sich danach voll auf seine Karriere als Schauspieler, für die er zweifelsohne besser gerüstet war.


Stücke

Herr Spircus oder der beschämte Eheprocurator; Der Vater ist gesund [beide Stücke wurden von der Zensur verboten und nie aufgeführt]; Das neue Jahr, Prem. Stadttheater Brünn 1. 1. 1810; Leichtsinn und Liebe, Prem. ebenda 18. 11. 1809; Es ist Friede, Prem. ebenda 16. 6. 1814; Beatrix, Gräfin von Hohenfels oder Das Wort des deutschen Mannes, Prem. ebenda 7. 11. 1814; Božena oder der Kampf mit dem Lindwurm, Prem. ebenda 23. 3. 1814, M. C. J. Schikaneder; Das ist der Rechte! 1814; Das Lustspiel im Zimmer 1822; Alle sind verliebt, Prem. Theater in der Leopoldstadt 1823; Wein und Wasser oder Alte Feinde – neue Freunde, Lustspiel, Prem. ebenda 1824; Die Stimme der Natur oder der Herr Bruder von ungefähr, Lokalposse, Prem. ebenda 8. 3. 1824; Alle sind verheiratet 1825.

Rollen

Stadttheater Klagenfurt (Městské divadlo v Celovci)

Eduard Schmitt (A. Kotzebue: Verläumdern) – 1803.

Burgtheater (Wien)

Baron Rosenzweig (J. F. Jünger: Die Entführung) – 1804; Liebhaber (A. W. Iffland: Advokaten), Lieutenant (A. Brühl: Der Burgermeister), Hans Vollmuth (A. Kotzebue: Verwandschaften), Hauptmann Knaul (A. Kotzebue: Blinde Liebe), Zenturone (F. Schiller: Fiesco), Karbanov (J. Weissenthurn: Der Wald bey Herrmannstadt) – 1807; Treuhold (F. Huber: Julchen oder liebe Mädchen spiegelt euch!) – 1808.

Stadttheater Brünn (Městské divadlo v Brně)

Jupiter (K. L. Giesecke: Travestirten Aeneas) – 1813; Fabian (J. K. Waldon: Die Ballnacht), Zeno (?: Der Pflegesöhne) – 1814; Staberl (A. Bäuerle: Die Bürger in Wien) – 1815. 

Theater an der Wien (Divadlo na Vídeňce)

Rittmeister Erlau (Ch. Spiess: General Schlenzheim) – 1811; Ual (K. Costenoble: Die Wunderkur), Raoul (F. Schiller: Die Jungfrau von Orleans), Greis (A. Kotzebue: Menschhaß und Reue), Hafnermeister Schlegel (E. Schikaneder: Die bürgerliche Brüder) – 1812; Tobern (I. F. Castelli: Gustav oder der Minengräber in Schweden), Fabian (J. K. Waldon: Ballnacht) – 1819.

Theater in der Leopoldstadt (Wien)

Rauterl (A. Bäuerle: Die schlimme Liesel), Tutu (F. Raimund: Barometermacher) – 1823; [?] (F. Korntheuer: Wein und Wasser), Herr von Freydumm (A. Bäuerle: Fee aus Frankreich), Liebhaber (?: Bauchredner) Schneider (A. Bäuerle: Lindane), Longimanus (F. Raimund: Der Diamant des Geisterkönigs) – 1824; Gisperl (A. Bäuerle: Gisperl und Fisperl) – 1825; Bustorius, hohe Alter (F. Raimund: Das Mädchen aus der Feenwelt oder Der Bauer als Millionär) – 1826; Narr (F. Raimund: Die gefesselte Phantasie) – 1828.

Quellen

AMB: Fonds A1/22–1705, 49/34, Karton 302 (Verpachtung des Stadttheaters und des Saals in der Reduta an B. Korntheuer 1812–1816).

Literatur

Wiener Theater-Zeitung 16. 2., 24. 2., 4. 7., 20. 7., 29. 8., 12. 9. 1807, 16. 3. 1808, 2. 10. 1811, 17. 6., 26. 9., 7. 10., 22. 10. 1812, 13. 3. 1819, 27. 12. 1823, 20. 1., 13. 4., 17. 8. 1824; Brünner Theater-Almanach 1810, S. 27; 1815, S. 6, 30; Intelligenzblatt für Ungarn (Preßburg) 1812; Brünner Theater-Taschenbuch 1814, S. 19; Wiener Zeitung 5. 10. 1819; Mährischer Correspondent (Brünn) 10. 7. 1869; Zeitschrift des Vereines für die Geschichte Mährens und Schlesiens (Brünn) 1899–1900, S. 180 ● Ableben und Nachrufe: Wiener Zeitung 4. 7. 1829; Wiener Theater-Zeitung 4. 7. 1829 ● Ch. D’Elvert: Geschichte der Musik in Mähren und Oester. Schlesien, Brünn 1852, S. 121–4; A. Rille: Die Geschichte den Brünner Stadt-Theaters 1734–1884, Brünn, 1885, S. 82–4; J. Vondráček: Dějiny českého divadla. Doba obrozenská 1771–1824 [Geschichte des böhmischen Theaters. Zeit der nationalen Wiedergeburt 1771-1824], Praha 1956, S. 574–6; J. Balvín: Vídeňské lidové divadlo od Hanswursta Stranitzkého k Nestroyovi [Das Wiener volkstümliche Theater von Hanswurst Stranitzky bis Nestroy], Praha 1990, S. 156; M. Štrajt: Královské městské národní divadlo za vedení Friedricha Josefa Korntheuera (1813–1815) [Das königliche städtische Nationaltheater unter der Leitung von Friedrich Josef Korntheuer (1813-1815)], Diplomarbeit an der Philosophischen Fakultät der Masaryk-Universität Brünn 1992; J. Trojan: Lokalstücke in der alten Brünner Reduta auf Sujets aus der Geschichte und aus volkstümlichen Sagen, in Vlastivědný věstník moravský 53, 2001, S. 343; M. Havlíčková – S. Pracná – J. Štefanides: Německojazyčné divadlo na Moravě a ve Slezsku 1/3. Ředitelé městských divadel [Das deutschsprachige Theater in Mähren und Schlesien 1/3. Direktoren von städtischen Theatern], Olomouc 2011, S. 140–141.

Eisenberg, HD, HLW, ÖBL, OeML, Ulrich, Wurmová, Wurzbach

Lebensereignisse

  • 15. 2. 1779: Geburt, Wien (A)
  • 28. 6. 1829: Tod, Wien (A)


Bildung: 2019

Autor: Klára Škrobánková