Kurz, Felix

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Aus Theater Enzyklopädie
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Felix Kurz
* 6.1.1688 Landshut (D)
1760 wahrscheinlich Brünn (Brno, CZ)
Schauspieler, Theaterprinzipal

Eine der bedeutensten Schauspieler- und Prinzipalpersönlichkeiten des ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Eine Karriere als Direktor und Hanswurst seiner eigenen Wandertruppe begann er spätesten 1725 in Brünn, wohin er dann durch ganzes Leben oft zurückkehrte. Er spielte auch in Prag, Kukus und in weiteren mitteleuropäischen Theaterzentren. Die Dramaturgie bereicherte er um ein neues Genre der sog. musikalischen Burlesken, die die Möglichkeiten der damaligen Bühnenmaschinerie ausnützten und boten ihm die Gelegenheit, seine schauspielerische Virtuosität in Verkleidungsszenen zur Geltung zu bringen, wobei er die Kunst beherrschte, sich augenblicklich in die unterschiedenste Charaktere zu verwandeln.

Namensvarianten Kurtz, von Kurtz (erdachter Adelstitel), getauft als Johann Anton Felix; Vorname auch Joann Felix, Joseph Felix. Nachkomme eines kurfürstlichen Beamten aus Bayern. Als Schauspieler wird K. erstmals 1711 in Augsburg bei der Prinzipalin C. E. Velten erwähnt. Bereits kurz nach 1714 war er wahrscheinlich im Wiener Ensemble von J. A. Stranitzky im Kärntnertortheater engagiert. Seine Karriere als Prinzipal und Hanswurst seiner eigenen Wandertruppe beginnt spätestens im April 1725, als er das erste Mal nach Brünn kam und in der ständischen Reithalle am Fuße des Hügels Špilberk, innerhalb der Stadtmauern in der Nähe des Brünner Tors auftrat. Im Sommer desselben Jahres spielte er während der Kursaison im schlesischen Warmbrunn (heute Cieplice Śląskie-Zdrój in Polen) am Hof von Graf Johann Anton von Schaffgotsch. Mehrere Mitglieder aus K.´ damaligem Ensemble (F. Vinck, F. Bentsch und K.´ Sohn als „Johann Joseph Bernardus Klapper p[ro] [tempore] Page“) besuchten bei der Rückreise zusammen mit dem jungen Grafen Karl Gotthard am Gedenktag des hl. Laurentius am 10. August 1725 die Schneekoppe, wo Christoph Leopold von Schaffgotsch, Großvater des jungen Grafen,  1668 eine diesem Heiligen geweihte Kapelle hatte errichten lassen. Erst Ende des Jahres erhielt K. als erster Prinzipal einer Schauspielergesellschaft die Genehmigung des Brünner Magistrats, in der Karnevalsaison 1725/26 im Salmischen Haus (heute Haus der Herren von Kunštát) aufzutreten, wo die Bedingungen für die Schauspieler im Winter erträglicher als in der ständischen Reitschule waren und wo K. nachher fast regelmäßig bis 1733 spielte. Wenig später wurde K. auch privilegierter „Trierischer Hof-Comödiant“ des Breslauer Fürstbischofs sowie Trierer Kurfürsten Franz Ludwig von Pfalz-Neuburg.

Seine weitere Laufbahn querte dann oft die böhmischen Länder. Am häufigsten spielte er in Brünn (1726, 1727, 1728, 1732, 1734, 1736/37, 1740, 1742, wahrscheinlich 1745, 1748, 1752 und 1755, als er vergeblich versuchte, ein Exklusivprivilegium zu erlangen). Mit den Aufenthalten in Brünn, wo er bei der Taufe seiner Tochter 1734 Graf Wolfgang Hannibal von Schrattenbach als Paten gewinnen konnte, verband er oft Besuche in Olmütz (z. B. 1740, 1752). Des Weiteren machte er Abstecher nach Breslau (1729, 1731, 1737, 1738) und schloss auch Linz (1728), Zittau (1738) und Preßburg (1747) in seine Tourneen ein.

Im Sommer 1731 gastierte er im Sporck-Theater in Kukus. Neben seiner Frau Edmunde und seinen sieben Kindern (auch damals war der künftige berühmte Darsteller der Figur des Bernardon Johann Joseph Felix von K., damals vierzehn Jahre alt, darunter) waren Mitglieder der Gesellschaft u. a. Ch. Schulze, F. A. Nuth und F. J. J. Müller. Die Sommersaison verbrachte er in Kukus wahrscheinlich mehrmals, nachweislich 1735 und nach eigener Aussage noch mindestens 1737 in einem ständigen Engagement bei Graf Franz Anton Sporck. In den dreißiger Jahren erlangte K. zweimal die Genehmigung, mit seinem Ensemble im Manhart´schen Haus in Prag in der Zeltnergasse aufzutreten (1733/34 und 1735/36), was 1735 zu einem erbitterten Konkurrenzkampf mit dem Schaumediziner und Theaterprinzipal J. B. C. Kohn führte. 1743 erhielt K. das Angebot, im Prager Kotzentheater aufzutreten, und zwar unter der Bedingung, dass er die Renovierung des Gebäudes übernehmen würde. Zum Abschluss eines Vertrags kam es wahrscheinlich nicht, denn K. beantragte kurz danach eine Spielgenehmigung für den Saal Zum Goldenen Stern in der Prager Altstadt, wo er 1745 und 1746 auftrat. In der Zwischenzeit reiste er mit seiner „Brünnerischen Gesellschaft“ durch Sachsen (1743/44 Dresden und Merseburg, 1745 Dresden, 1746 Freiberg) und 1746 konnte er auch als erster Theaterunternehmer von Oktober bis zum Advent für Studenten „erlaubte Ergötzlichkeiten“ in der Universitätsstadt Göttingen aufführen. Damals spielte in K.´  Gesellschaft wiederum vorübergehend sein Sohn Johann Joseph Felix (er verließ sie 1737), des Weiteren dann J. A. Bruck, das Ehepaar Antusch, G. H. Koch, J. G. Schuberth, C. J. Nachtigall, A. Pabel und wahrscheinlich F. G. Wallerotti. Während seines Aufenthalts in Brünn 1756 übergab er das Ensemble seinem Schwiegersohn S. F. Koberwein und zog sich in ein Spital zurück.

Bis zum Ende der zwanziger Jahre des 18. Jahrhunderts überwog in K.´  Repertoire ein Vorrat an traditionellen Texten und barocken Haupt- und Staatsaktionen. In Kukus führte er noch 1731 das Stück Doctor Faust auf, wahrscheinlich in einer Wiener Bearbeitung, und 1735 die geistliche Tragödie Von dem Englischen reichs-Cantzler Thomas Morus. Die Haupt- und Staataktionen vernachlässigte er auch später nicht, so spielte er beispielsweise 1744 in Merseburg das Musterstück dieser ArtDie Asiatische Banise und führte noch um 1745 in Brünn das altertümliche Stück vom Tyrannen Hunrich und Heinrich oder das durchlauchtige Schäferpaar auf. In Prag bot er für die Advents- und Fastenzeit 1734 eine breite Auswahl an Stücken mit religiösem Charakter an, u. a. Das Leben und Martirium des S. Joannis von Nepomukh, von denen er einige wahrscheinlich auch 1736 aufführte, nachdem er eine entsprechende Genehmigung erhalten hatte. Nach Prag brachte er 1733 allerdings auch die satirische Komödie Baron von Habnix, Und Der Prahlende Wind-Beutel und vor allem sog. musikalische Burlesken, die zahlreiche Arien und Balletteinlagen enthielten, z. B. Die freundliche Freundin, oder Der zum Galgen und Rat verurtheilte Pantalon, später Der Grosse Jahr-Marck zu Lacherstorff  (1735). Dieses Genre, das auf den Zauber der Bühnentechnik basierte (faszinierende Veränderung von Bühnenobjekten, fliegende Drachen u. ä.) war für Prag neu. In Breslau und in Brünn nutzte es K. dann als Erfolgsgarantie. Aufgrund dieses neuen Repertoiretrends bemühte er sich im Herbst 1736 in Brünn erstmals um Verpachtung des städtischen Theaters auf dem Oberen Markt [Horní náměstí], das 1733 durch das Verdienst des italienischen Impresarios A. Mingotti für den Opernbetrieb errichtet worden war und so ausreichend Raum und technische Ausstattung für ein großes, reich ausgeschmücktes Spectakel bot. Um das neue Theater und die Schauspieler für die kommende Saison entbrannte in Brno ein Kampf unter den konkurrierenden Prinzipalen F. Bentsch und Filippo Neri del Fantasia, in dem sich organisatorisch K.´  Frau Edmunde und sein Schwager Georg Adam Horscheld durchsetzten, und so konnte K. nach Ostern 1737 regelmäßige Gastspiele in Brünn mit einem neuen Repertoire aufnehmen. 1744 bildeten auch in Merseburg Burlesken bis zu 85 Prozent seines Repertoires (Wedding 1931). Sie boten ihm die Gelegenheit, seine eigene schauspielerische Virtuosität in Verkleidungsszenen voll zu entwickeln, wobei er es ähnlich wie später sein Sohn Johann Joseph Felix verstand, sich augenblicklich und perfekt zu verschiedensten Charakteren einschließlich weiblicher Rollen und Berufe zu wandeln. Mit einer entsprechenden Dosis Satire und Parodie brachte er dabei nicht nur seine vielseitigen Veranlagungen, zum Beispiel im Singen und Fechten, sondern auch Fremdsprachenkenntnisse zur Geltung.


Quellen

Stadtpfarrei Landshut: St. Martin, Taufregister, Bd. 3, fol. 214v. Kukus, Klosterbibliothek: Tagebucheintragungen T. J. A. Seemanns in den Kalendern aus den Jahren 1731 und 1735. NA: Kk, Sign. 1161, 1162; SM, Sign. T 61/1, fol. 49–80; Sign. T 61/5, fol. 19–42; SČM, Sign. 1733/IX/d/49; Wunschwitz’sche genealogische Sammlung, Sporck, Theaterzettel, Inv.Nr. 1193 (Drucke). Strahovská knihovna: Sign. CN XI 48: Hanß=Wursts Lustiger Calender, Auf das Jahr 1736Gehorsamst offeriret Von Felix Kurtz / Saltzb. aliàs Hanß=Wurst, Prag s. a. AMP: Protokol věcí politických a veřejných rady Starého Města pražského (Protokoll der politischen und öffentlichen Angelegenheiten des Altstädter Stadtrates) 1743–47, Sign. 1361, fol. 12v. MZA: B 1, Sign. B 47. AMB: A 1/9 Stará tereziánská registratura ekonomická (Alte theresianische ökonomische Registratur), Inv.Nr. 86, Sign. C 51, Kart. 39 (Havlíčková 2009). Zwei Brünner Theaterzettel aus dem Jahre 1745 (verschollen, Nachdruck Litteratur- und Theater-Zeitung 1781). Stadtarchiv Dresden: Cammer-Rechnungen der Stadt Dresden, 1743/44, 1744/45, je Nr. 42. Universitäts- und Landesbibliothek Halle/S.: Handschriftenabteilung, Sign. 26 B 2, I–IX, 19 Merseburger Theaterzettel von 1744 abschriftlich in Ch. F. Cuno: Liber Quodlibeticus.

Literatur

Unsign.: Vergnügte und Unvergnügte Reisen auf das Weltberuffene Schlesische Riesen=Gebirge, Welche von 1696. biß 1737. [...] von allerhand Liebhabern angestellt worden sind; Die sich [...] in die daselbst befindlichen Schneekoppen=Bücher [...] eingeschrieben haben, Hirschberg 1736, s. 161–163 (srv. též Bolte 1898); unsign. [M. Scholz?]: Nachrichten von dem Leben des Herrn von Brunian, Litteratur- und Theater-Zeitung (Berlin) 4, 1781, S. 483–485; S. F. Koberwein: Meine Biographie, Breslau 1803, S. 2f.; J. M. Schottky: Beiträge zur Geschichte der frühesten Prager Schauspiele, Monatsschrift der Gesellschaft des vaterländischen Museums in Böhmen (Prag) 3, 1829, 2. Halbjahr, S. 199–229; M. Fürstenau: Zur Geschichte der Musik und des Theaters am Hofe zu Dresden II, 1862, S. 341; Teuber I 1883, S. 147–178, 175–176; M. Schlesinger: Geschichte des Theaters in Breslau I, 1898, S. 22; J. Bolte: Komödianten auf der Schneekoppe, Euphorion ( Leipzig–Wien) 5 , 1898, S. 58–59; G. E. Pazaurek: Franz Anton Reichsgraf von Sporck ein Mäcen der Barockzeit und seine Lieblingsschöpfung Kukus, Leipzig 1901, S. 27; J. Leisching: Die Vorläufer des ständigen Schauspiels in Brünn, Zeitschrift des deutschen Vereines für die Geschichte Mährens und Schlesiens (Brünn) 5, 1901, S. 240–253; H. Benedikt: Franz Anton Graf von Sporck (1662–1739), Wien 1923, S. 141; G. Wedding: Wandernde Schauspielertruppen des 18. Jh.s in Merseburg, Das Merseburger Land (Merseburg) 1931, Heft 21/22, S. 22–27; Gugitz 1958, S. 129; W. Herrmann: Geschichte der Schauspielkunst in Freiberg, in Schriften zur Theaterwissenschaft II, Berlin 1960, S. 572; Asper 1980, S. 87, 349; M. Vilímková: Kotce, Černý 1992, S. 23; J. Hyvnar: Johann Josef Felix von Kurtz zvaný Bernardon, ebd., S. 115–117; F. Černý: Weidmannův Johann Faust, ebd., S. 229; M. Cesnaková-Michalcová: Geschichte des deutschsprachigen Theaters in der Slowakei, Köln–Weimar–Wien 1997, S. 35; Scherl 1999, S. 126–136; Göttingen. Geschichte einer Universitätsstadt II, hg. v. E. Böhme–R. Vierhaus, Göttingen 2002, S. 922, 956; Havlíčková 2009, S. 115f., 120, 158 + Konkurenční boj o městské operní divadlo v Brně 1736, DR 26, 2015, č. 2, s. 7–22; Rudin 2010 + Banise als Haupt- und Staatsaktion. Zum erfolgreichsten Lückenbüßer der deutschen Verspätung im Drama, Die europäische Banise. Rezeption und Übersetzung eines barocken Bestsellers, hg. v. D. Martin–K. Vorderstemann, Berlin–New York 2012 (Frühe Neuzeit 175), S. 66–89.
EDS
DČD I

Lebensereignisse

  • 6.1.1688: Geburt, Landshut (D)
  • 1760 wahrscheinlich: Tod, Brünn (Brno, CZ)


Bildung: 2015

Autor: Adolf Scherl, Bärbel Rudin