Pohl, Wilhelm

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Wilhelm Pohl
* um 1830
nach 1884
Theaterdirektor, Schauspieler

Er begann als Schauspieler, Ende der 60-er Jahre des 19. Jahrhunderts gründete er eine Theatergesellschaft, mit der er sich zumeist in kleineren Städten Mährens und Schlesiens bewegte. Aufgrund der Qualität der angebotenen Vorstellungen erfreute sich die Gesellschaft beim Publikum großer Beliebtheit.

Er begann als Schauspieler in mittelgroßen Theatergesellschaften in Mähren und in Schlesien. Die älteste Notiz zu seiner Person stammt aus der Saison 1854/55, wo er zusammen mit seiner Frau Julie in der Gesellschaft von J. Lingg in Krnov wirkte. Ende der 60-er Jahre gründete er eine eigene Gesellschaft, erhielt eine Lizenz und spielte ab 1868/69 ebenfalls in Krnov. Er betrieb das Theater mindestens bis 1884, zuletzt ist er bei einem Aufenthalt im Herbst im südmährischen Bzenec erfasst.

P.s Gesellschaft war mittelgroß, durchschnittlich umfasste sie fünfzehn Mitglieder. Nun in dem Fall, dass er in größeren Städten spielte (Krnov, Šumperk oder Šternberk), konnte die Anzahl der Schauspieler auf bis zu zwanzig aufgestockt werden. Die Musiker, die notwendig waren, um Singspiele oder kürzere komische Operetten aufzuführen, wurden in der Bevölkerung vor Ort angeheuert. Die Basis von P.s Ensemble waren zwei Ehepaare, P. selbst und seine Frau Julie sowie L. Szavasy und seine Frau, in Kinderrollen traten seine Töchter auf. In P.s erster eigenständiger Saison 1868/69 war in seinem Schauspielensemble noch eine weitere Familie vertreten, J. Penne mit Frau und Tochter, zusammen mit ihnen wirkte hier auch der spätere Theaterdirektor S. Schurek. P. wurde anfangs auch als Regisseur von Schauspielen und Singspielen geführt, als Held und Darsteller von Charakterrollen, später spielte er die Rollen von Vätern und reifen Helden. Szavasy spielte komische Rollen und war Regisseur von Possen. Ende der 70-er Jahre übernahm Szavasy die künstlerische Leitung der Gesellschaft, die dann auch unter der Bezeichnung Pohl-Szavasy auftrat. Mitte der 80-er Jahre wird in der Leitung der Gesellschaft nur noch P. erwähnt.

Für seine Stationen wählte P. normalerweise kleinere Städte, wo er sich je nach Interesse zwischen zwei Wochen und drei Monaten aufhielt. Oft knüpfte er Kontakte zu den dortigen Einwohnern und brachte sich in das kulturelle und gesellschaftliche Leben der Gemeinde ein. In Mikulov gestaltete er am 17. August 1873 das Programm zur Geburtstagsfeier für Franz Joseph I. mit. Am Beginn der Feierlichkeiten deklamierte eine Schauspielerin den Prolog Österreichs Stern, es folgten der Vortrag des patriotischen Gedichts Mein Österreich und die Vorstellung Ein junger Monarch von J. Leitner. Das Repertoire von P.s Gesellschaft hob sich nicht sonderlich von der damaligen Produktion ab, es waren Titel von O. F. Berg, F. Blum, J. Nestroy, und Ch. Birch-Pfeiffer, und es fehlten auch komische Operetten von F. Suppé und J. Offenbach. Von der Gesellschaft nicht präsentiert werden konnten große Operettenvorstellungen. P. verstand es, auf die aktuelle Nachfrage zu reagieren, z. B. führte er bei einem Besuch in Mikulov 1873 das Stück Mann ohne Urtheil von L. Sacher-Masoch auf, das von dem bekannten Sohn der Stadt J. Sonnenfels handelte. Angesichts der hohen Mobilität behielt die Gesellschaft bewährtes Repertoire mehrere Jahre lang bei (im Unterschied zu den Direktoren städtischer Theater musste P. nicht ständig neue Stücke auf den Spielplan setzen).
Große Theater anzumieten war nicht P.s Ziel, er konzentrierte sich auf mittelgroße und kleinere Städte, wo er Theatervergnügen in guter Qualität anbot, wobei er einen soliden Theaterfundus nutzte. Die Zufriedenheit des Publikums bestätigt die Tatsache, dass die Gesellschaft wiederholt an die gleichen Orte zurückkehrte. P.s Stärke lag darin, Kontakt zum Publikum zu knüpfen und am Geschehen vor Ort teilzuhaben. An gesamtdeutsche Theateralmanache schickte er keine Informationen zu seiner Gesellschaft, er verließ sich ausschließlich auf seine Verbindungen und sein Renommee. Einen Großteil seiner Karriere als Theaterdirektor verbrachte er an Stationen im landwirtschaftlich ausgerichteten Südmähren, wo das Netzwerk an städtischen Theatern gegenüber dem industriellen Norden Mährens und Schlesiens nicht so stark ausgebaut war.


Stationen der Gesellschaft von Wilhelm Pohl

1868/1869 Krnov (Jägerndorf); 1868 Nový Jičín (Neutitschen), 1869 Nový Jičín, Rožnov pod Radhoštěm (Rožnau), Lipník (Leipnik), Libavá (Liebau); 1870/1871 Krnov; 1871 Moravský Beroun (Bärn); 1873 Přerov (Prerau), Mikulov (Nikolsburg); 1874 Přerov; 1875 Libavá (Liebau); 1875/1876 Mikulov; 1876 Šternberk (Sternberg), Staré Město (Altstadt), Šternberk, Krnov; 1877 Šternberk, Vyškov (Wischau), Ivančice (Eibenschitz); 1877/1878 Moravská Třebová (Mährisch Trübau), 1878 Svitavy (Zwittau), 1878/1879 Břeclav (Lundenburg); 1879 Valtice (Feldsberg), Mikulov; 1880 Šternberk, Břeclav, Hodonín, Moravský Krumlov (Mährisch Krumau), Frein (Vranov); 1884 Bzenec (Bisens).

Rollen

Vater Kilian, Landpfarrer (O. F. Berg: Die Pfarrrerkochin), Herr von Forstbach (L. Feldmann: Müller und Müller die beiden Candidaten), Gluthammer, ein Schosser (J. N. Nestroy: Der Zerrissene), Bezirksrichter (O. F. Berg: Nummero 28) – 1869; John Thomson, Schiffscheder (A. Schauffert: Schach dem König) – 1871; Andreas Wallner (O. F. Berg: Der deutsche Bruder) – 1873; Oberförster Ferder (E. Schröder: Gold-Else) – 1879.

 

Quellen

SOkA Bruntál mit Sitz in Krnov: Fonds Archiv der Stadt Krnov, Inv.-Nr. 1090, Kart. 685, Sign. XI/1 (Theaterzettel der Gesellschaft W. Pohls).

Literatur

Brünner Morgenpost, Beilage zur Brünner Zeitung 11. 4. 1873; Grenzbote des nordwestlichen Mährens (Šumperk) 7. 8. 1875; Die Neue Zeit: Olmützer politische Zeitung 23. 9. 1876; Nikolsburger Wochenschrift 22. 2. 1879; Mährisch-schlesischer Correspondent (Brün) 25. 11. 1879; Sternberger Volksblatt 13. 12. 1879; Nikolsburger Wochenschrift 6. 3. 1880, Tagesbote aus Mähren und Schlesien (Brün) 15. 8. 1880; Znaimer Wochenblatt 23. 10. 1880; M. Havlíčková – S. Pracná – J. Štefanides: Německojazyčné divadlo na Moravě a ve Slezsku 1/3 [Das deutschsprachige Theater in Mähren und in Schlesien 1/3], Olmütz 2011, s. 173; ebenda 2/3, 2013, s. 226; ebenda 3/3, 2014, s. 112, 117, 176, 198, 206, 225; S. Pracná: Městské divadlo v Krnově v letech 1854−1944 [Das Stadttheater in Jägerndorf in den Jahren 1854−1944], Dissertation, Lehrstuhl für Theater- und Filmstudien der Philosophischen Fakultät der Palacký-Universität Olmütz 2019.

Lebensereignisse

  • um 1830: Geburt
  • nach 1884: Tod


Bildung: 2020

Autor: Miroslav Lukáš