Radler, Johann Edler von

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Aus Theater Enzyklopädie
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Johann Edler von Radler
* 14. 11. 1819 Wien (A)
11. 9. 1884 Wien (A)
Theaterdirektor, Schauspieler, Dramatiker

Theaterdirektor und Schauspieler, der in einer Reihe von Theatern in den österreichischen Ländern lebte. Mehrmals hatte er Theater in Znaim, Jihlava, Maribor oder Krems angemietet. In den 60-er Jahren betrieb er ein Sommertheater im niederösterreichischen Bad Vöslau.

Mit vollem Namen Johann Makarius Leopold Edler von Radler. Er war der Sohn von Johann Baptist von Radler, dem Verwalter und Betreiber einer Mädchenschule in der Wiener Josefstadt. Die Künstlerlaufbahn von R. ist erst um sein 25. Lebensjahr herum erfasst. In der Theatersaison 1845/46 wirkte er als Schauspieler des Theaters in Troppau und gastierte gleichzeitig am Stadttheater in Brünn. Die nächste Saison spielte er in Innsbruck. In den Saisons 1847/48 bis 1850/51 spielte er in der Theatergesellschaft von F. Blum in Olmütz und Troppau oder den Sommer über in Karlsbad. Ab der Saison 1851/52 und in den zwei folgenden wirkte er nacheinander in Temeswar, Ödenburg und Wien (Theater an der Wien). Von Herbst 1855 bis Frühjahr 1856 spielte er in Znaim und gleichzeitig im oberösterreichischen Steyr. In der Saison 1856/57 erhielt er eine Theaterkonzession und mietete vom Stadtrat in Znaim das dortige Theater an. Außer in Znojmo spielte er mit seiner Gesellschaft Ende der 50-er Jahre beispielsweise in Jihlava, im Sommer kam er in die Sommerarena in Prostějov. Ab den 60-er Jahren bis zu den 70-er Jahren weilte er überwiegend im niederösterreichischen Krems und im slowenischen Maribor, Anfang der 70-er Jahre mietete er für zwei Saisons das Theater in Budweis angemietet. Für sein Theaterunternehmen war die Sommerbühne in Bad Vöslau von Bedeutung, die 35 km südlich von Wien am Fuße des Wienerwaldes lag, wo er von 1861 und 1872 Theatervorstellungen in einer eigenen Arena gab. Hier spielte auch 1863–1865 zusammen mit seinem Ensemble der künftige Schriftsteller und Dramatiker L. Anzengruber unter dem Pseudonym L. Gruber. Manchmal verirrten sich in R.s hölzernes Sommertheater auch bedeutende Gäste: 1863 besuchten seine Vorstellungen nicht näher erwähnte Angehörige des Kaiserhauses, im Juni 1869 die Erzherzöge Albrecht und Wilhelm zusammen mit der portugiesischen Königin.

Ab der zweiten Hälfte der 70-er Jahre war ein Niedergang von R.s Ensemble zu spüren. Völlig misslungen war die Station in Znaim in der Saison 1876/77, als R. wegen Desinteresse des Publikums den Aufenthalt der Gesellschaft vorzeitig schon im Januar beenden wollte, schließlich hielt er jedoch bis Palmsonntag (25. 3. 1877) aus, weil ihm finanzielle Hilfe seitens der Stadt zugesichert wurde. Er erhielt die Subvention jedoch nicht, und Anfang April zerfiel das Ensemble. R. reiste mit dem verbliebenen Torso in die kleinere Gemeinde Purkersdorf in Niederösterreich, wo man das dortige Publikum jedoch nur 20 Abende lang amüsieren konnte. Die Probleme begleiteten R. jedoch wie übrigens auch die meisten Theaterdirektoren der damaligen Zeit seine gesamte Karriere. Er hatte mit fehlender Disziplin der Schauspieler und mit vorzeitigen Weggängen zu kämpfen. Beim Halt in Maribor erhielt er von der Stadt einen Tadel wegen schlechter Leitung des Theaters. Auch bat er die Stadträte, die die Vermietung der Theater in den entsprechenden Städten regelten, oft um finanzielle Unterstützung; als er beispielsweise die Saison 1866/67 in Jihlava eröffnete, ersuchte er die dortigen Ratsherren um einen Zuschuss zum Ankauf der Bühnenausstattung. Als Theaterdirektor war R. mindestens bis 1882 tätig. Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte er offensichtlich in Wien, wo er auch starb.

Seine Frau Antonia geb. Singer stammte aus Ungarn. Als Schauspielerin war sie seit 1848 bekannt, als sie im Chor sang und kleine Rollen in Theatern in Olmütz und Troppau spielte. Zusammen mit ihrem Mann wirkte sie später auch an weiteren Stationen. Ihr Sohn Johann Friedrich von Radler, Ps. X Flo(c)K (1847–1924) war Jurist, Magistratsbeamter in Wien und Dramatiker. Ihr Enkel Friedrich von Radler (1876–1942) war Maler. In der Zeit, als R. Theaterdirektor war, traten Fritz, Helena und Fanny, offensichtlich seine weiteren Nachkommen, in Kinderrollen auf. 

Als Schauspieler durchlief R. die übliche Entwicklung von jungen Liebhabern bzw. Naturburschen über Bonvivants, Schauspieler komischer Charakterrollen bis hin zum Rollenfach Väter und Alte. Gleich in der ersten Saison in Olmütz spielte er u. a. den Grafen Richter in dem Stück Johann Herzog von Finnland von J. von Weißenthurn, den Kosinski in Schillers Drama Die Räuber, den Kunz von Laufenheim in Holbeins  Ritterstück Das Turnier zu Kronstein, den Junker in Raupachs Posse Der Zeitgeist oder den Hans von Birken in Kotzebues Komödie Das Intermezzo oder der Landjunker. Als Theaterdirektor setzte er vor allem auf ein musikalisches Repertoire (Possen mit Gesang, Vaudevilles, ggf. einaktige Operetten) oder Lustspiele. Inspiration schöpfte er vor allem aus Produktionen der Wiener Vorstadttheater. Unter den von ihm aufgeführten Autoren durften J. N. Nestroy, R. Benedix, O. F. Berg bzw. J. Offenbach nicht fehlen. In Krems führte er 1860 sein eigenes Stück auf, die Bilder aus dem Leben Des Bettlers schönste Stunde oder Der Christbaum. In seinem Ensemble gastierten oft beliebte Akrobaten oder Mimen: ab der Sommersaison 1858 in Prostějov trat zusammen mit R.s Gesellschaft der bekannten „Affenmann“ und Mime E. Klischnigg auf, der einerseits in den Vorstellungen spielte und andererseits auch eigenständige Vorstellungen auf die Bühne brachte. Mit Klischnigg arbeitete R. auch in den folgenden Jahren zusammen, z. B. bei den Sommerstationen in Bad Vöslau. Bei einem Aufenthalt von R.s Ensemble in Jihlava in der Saison 1866/67 gastierte bei ihm kurzzeitig auch der Akrobat E. Meergarté, der nach kürzeren Vorstellungen gymnastische Akrobatiknummern und Hundedressuren zeigte. Mindestens ab der Sommerstation in Bad Vöslau wirkte in seinem Ensemble als Possen- und Operettenregisseur F. Zöllner, wahrscheinlich ein Mitglied der bedeutenden Theaterfamilie Zöllner. Letztmalig ist Zöllner in R.s Theatergesellschaft in der Saison 1877/79 in Trnava erfasst.

Unter den Theaterdirektoren, die Stadttheater in Mähren und Schlesien anmieteten, war R. keine markante Persönlichkeit. Er konnte beispielsweise nie ein Theater in Olmütz anmieten, wenngleich er dies mindestens im Frühjahr 1859 versuchte. Verschlossen blieben ihm auch weitere Stadttheater in Nordmähren und Schlesien, er bewegte sich so eher durch die Stadttheater an der südlichen Grenze der böhmischen Länder. Seine größten Erfolge feierte er offensichtlich in Maribor, Krems oder Bad Vöslau, wo er am häufigsten wirkte.


Stationen von Radlers Ensemble

1856/1857 Znojmo (Znaim); 1857/1858 Jihlava (Iglau); 1858/1859 Jihlava; 1858 Prostějov (Proßnitz), Nový Jičín (Neutitschein); 1859/1860 Prostějov, Těšín (Teschen), Šternberg (Sternberg); 1860/1861 Kremže (Krems), Bad Vöslau; 1861 Prostějov; 1861/1862 Znojmo, Bad Vöslau; 1862/1863 Maribor (Marburg), Bad Vöslau; 1863/1864 Maribor, Bad Vöslau; 1864/1865 Maribor, Bad Vöslau; 1865/1866 Kremže, Bad Vöslau; 1866/1867 Jihlava; 1867 Bad Vöslau; 1868 Bad Vöslau; 1869/1870 Maribor, Bad Vöslau; 1870/1871 České Budějovice (Budweis), Český Krumov (Krumau), Bad Vöslau; 1871/1872 České Budějovice, Bad Vöslau; 1873/1874 Kremže; 1874/1875 Kremže; 1876 Kremže; 1876/1877 Znojmo; 1877 Purkersdorf, Trnava (Tyrnau); 1879 Mikulov (Nikolsburg); 1880 Sankt Pölten; 1882 Wels

Quellen

MZA Brno: Matrikelsammlung, Geburtenmatrikel, Znojmo – St. Niklas 15020, 1864–1877, (Geburt Friedrich Edler von Radlers), [online, zit. 27. 6. 2019], URL: http://actapublica.eu/matriky/brno/prohlizec/2378/?strana=223

Österreich, Wien, rk. Erzdiözese (östl. Niederösterreich und Wien) 08., Maria Treu, Taufbuch, 1816–1822, (Geburt Johann Edler von Radlers), [online, zit. 1. 7. 2019], URL: http://data.matricula-online.eu/de/oesterreich/wien/08-maria-treu/01-010/?pg=225

Österreich, Wien, rk. Erzdiözese (östl. Niederösterreich und Wien) 08., Maria Treu, Trauungsbuch 1812–1820, (Heirat Johann Baptist von Radlers), [online, zit. 1. 7. 2019], URL: http://data.matricula-online.eu/de/oesterreich/wien/08-maria-treu/02-06/?pg=192

Österreich, Wien, rk. Erzdiözese (östl. Niederösterreich und Wien) 08., Alservorstadtpfarre, Sterbebuch 1882–1884, (Ableben Johann Edler von Radlers), [online, zit. 25. 6. 2019], URL: http://data.matricula-online.eu/de/oesterreich/wien/08-alservorstadtpfarre/03-023/?pg=396

ZA Opava: Matrikelsammlung, Geburtenmatrikel, N I–N, Inv. 5595, Sig. O III, 1844 – 1853, Olomouc Innenstadt, (Geburt Johann Friedrich Radler), [online, zit. 27. 6. 2019], URL: http://digi.archives.cz/da/permalink?xid=be97eb1a-f13c-102f-8255-0050568c0263&scan=117&parentType=10041#scan117 

SOkA České Budějovice: Fonds Dokumentationssammlung (Theaterzettel von Radlers Gesellschaft aus dem Jahre 1872).

Literatur

Deutscher Bühnen-Almanach (Berlin) 11, 1847, T. 2, S. 74; 21, 1857, s. 390–391; 22, 1858, s. 200–201; 23, 1859, s. 337–338; 24, 1860, s. 508–509; 25, 1861, d. 2, 171–172; 26, 1862, d. 2, s. 275–276; 27, 1863, d. 2, s. 237–239; 28, 1864, d. 2, s. 200–201; 29, 1865, d. 2, s. 209–211; 30, 1866, d. 2, s. 385–386; 31, 1867, d. 2, s. 156–157; 32, 1868, d. 2, s. 375–376; 33, 1 d. 2, 869, d. 2, s. 330–331; 34, 1870, d. 2, s. 223–225; 35, 1871, d. 2, s. 54–56; 38, 1874, d. 2, s. 166–167; 39, 1875, d. 2, s. 190–192; 40, 1876, d. 2, s. 176–177; 41, 1877, d. 2, s. 344–345; 42, 1878, d. 2, s. 287–288; 45, 1881, d. 2, s. 308–309; 47, 1883, d. 2, s. 528–529; Almanach für Freunde der Schauspielkunst (Berlin), 12, 1848, d. 2, s. 273; 14, d. 2, s. 230; 16, d. 2, s. 302-303; Brünner Zeitung (Brno), 7. 4. 1859; Troppauer Zeitung (Opava), 27. 11. 1859, 27. 11. 1859; Der Kobald (Maribor) 20. 10. 1862; Correspondent für Untersteiermark (Maribor), 18. 11. 1863; Znaimer Botschafter: Wochenschrift für heimatliche Interessen (Znojmo) 6. 10. 1866; Znaimer Wochenblatt (Znojmo) 31. 3., 7. 4., 8. 9. 1877; Marburger Zeitung (Marburg) 18. 1. 1902; H. Rotter: Die Josefstadt. Geschichte des 8. Wiener Gemeindebezirkes, Wien 1918, s. 209; J. Hilmera: Činnost německých divadelních společností v českých provinciích 19. století [Die Tätigkeit der deutschen Theatergesellschaften in den böhmischen Provinzen des 19. Jahrhunderts], Praha 2006, DÚk; P. Knápková: Ein Beitrag zur Kulturgeschichte Iglaus, Olomouc 2010, s. 77; B. Koubková: Olomoucká divadelní kultura v brněnském časopise Moravia v letech 1838–1848 [Die Olmützer Theaterkultur in der Brünner Zeitschrift Moravia in den Jahren 1838-1848], Diplomarbeit, Palacký-Universität Olmütz, Philosophische Fakultät, Olomouc 2012, S. 58, 60–63, 66; M. Havlíčková – S. Pracná – J. Štefanides: Německojazyčné divadlo na Moravě a ve Slezsku 2/3 [Das deutschsprachige Theater in Mähren und in Schlesien 2/3], Olomouc 2013, s. 164, 165, 193; Theater in Vöslau (online zit. 3. 7. 2019), URL: (https://www.bmgt.at/gerhard/22_theater.htm). 

Ulrich (Johann Edler von Radler)

Lebensereignisse

  • 14. 11. 1819: Geburt, Wien (A)
  • 11. 9. 1884: Tod, Wien (A)

Andere Namen

Radler Johann Makarius Leopold Edler von


Bildung: 2019

Autor: Miroslav Lukáš