Siege, Ignaz

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Aus Theater Enzyklopädie
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Ignaz Siege
* 22. 6. 1818 Holešov (CZ)
30. 7. 1887 Trentschin-Teplitz (Trenčianské Teplice, SK)
Inhaber der Theatergesellschaft, Theaterdirektor, Schauspieler, Regisseur, Theateragent

Angehöriger der zweiten Generation einer zahlenstarken Theaterfamilie. Er begann als Schauspieler bei der Gesellschaft seines Vaters. Im Laufe seiner Theaterkarriere war er Direktor der Theater in Trnava, Raab, Budweis, Jihlava und Znaim. In Trenčianské Teplice begründete er die Tradition von Sommervorstellungen.  

Geschrieben auch Ignatz, Hynek. Sohn des Theaterdirektors Josef S. (um 1790–1857) und Elisabeth, geb. Grafová. Bruder des Schauspielers Johann Nepomuk S. (1829–1904) und der Schauspielerinnen Fanny und Therese Apolonie S. Er war zweimal verheiratet, zuerst mit der Schauspielerin Julie Leopoldine Czerwenka (1816–1854), danach mit der Schauspielerin Betty (Barbara) Weiss (1818/1819–1888), mit dem er den Sohn Adolf S. (1856–1925) hatte. Sein Enkel war Gustav S. (1881–1947).

Als Schauspieler trat er erstmals mit sechzehn Jahren auf der Bühne in Jihlava im Ensemble seines Vaters auf, ab 1843 beteiligte er sich an der Leitung der Theatergesellschaft. Die Konflikte mit dem Vater erreichten im Jahre 1848 ihren Höhepunkt, als sich S. in Jindřichův Hradec in der Nationalgarde engagierte (Funktion eines Majors) und für kurze Zeit die Leitung des Ensembles übernahm. 1850 war erneut Josef S. Direktor der Gesellschaft, der 1849–50 Pächter des Stadttheaters in Jihlava war, S. vertrat die Funktion des Schauspielregisseurs. 1849 heiratete er in Písek Leopoldine Czerwenka, die mit ihrer Familie ab dem Beginn der 40-er Jahre in S.s Ensembles weilte;  sie vertrat das Rollenfach Naive, später spielte sie Rollen erster Mütter. Nach 1850 verließ S. das Ensemble seines Vaters zusammen mit seiner Frau, beide wirkten dann wahrscheinlich im Theater in Esseg (Osjek). Ab 1852 war S. Regisseur des Stadttheaters in Trnava (Pächter P. Fröhlich), im Jahr darauf wurde er Direktor. Er rekonstruierte das Theater und ließ es neu streichen. Die erfolgreiche Wirtschaftsführung brachte S. die Zusage des Stadtrats über die Verpachtung für weitere fünf Jahre ein. Nach dem Tod seiner Frau (sie starb 1854 bei der Geburt) heiratete er im selben Jahr das Ensemblemitglied Betty Weiss, die das Rollenfach erste Mütter übernahm; später kümmerte sie sich um die Buchhaltung und beteiligte sich wahrscheinlich auch an der Leitung des Familienunternehmens. 1856 war S. gleichzeitig Direktor in Trnava und in Raab, 1858–60 in Raab und in Budweis. Nach dem Erfolg der Saison in Budweis 1859/60 wurde ihm das Theater für weitere drei Jahre verpachtet. Doch in der Wintersaison 1861/62 forderte ihn der Stadtrat, der offensichtlich unzufrieden mit dem Niveau der Vorstellungen war, das Ensemble neu zusammenzustellen und das Repertoire zu erneuern. Damals engagierte er mehrere tschechische Schauspieler aus der Gesellschaft von J. Štandera: K. Polák (ebenfalls Regisseur), J. Mošna, F. Paclt, M. Ryšavá, A. Libická und andere. Tschechische Vorstellungen führte er in Budweis nur kurz auf, weil diese nur wenig besucht waren. Danach gingen die tschechischen Schauspieler fort, und im Sommer 1862 hatte das Ensemble eine andere Zusammensetzung. Aufgrund wiederholter Beschwerden des Sadtrates übergab er ab der Wintersaison 1863/64 die Leitung der Budweiser Bühne an C. Moser, der vorher Direktor des Theaters in Innsbruck war, und S. begab sich mit seiner Familie für kurze Zeit unter die Direktion von C. Moser. Danach reiste S.s Gesellschaft durch Südböhmen (Jindřichův Hradec, Krumau, Tábor) und spielte auch in Plzeň. 1865 war er einer der Regisseure des Innsbrucker Theaters, 1866–67 ist S. als Direktor belegt. In der Saison 1867/68 arbeitete er als Regisseur in Regensburg. 1869 kehrte er nach Trnava zuruck, wo er zwei Wintersaisons besetzte, zwischen denen er fur den Sommer ins Kurbad Trenčanské Teplice reiste. In Trnava engagierte er u. a. den Schauspieler und Regisseur V. Berthal (dieser gründete später seine eigene Gesellschaft). 1873 wirkte er als Schauspieler und Regisseur in Lemberk, 1875 als Pächter des Wiener Volkstheaters in Rudolfsheim. 1877 bewarb er sich erneut als Pächter des Theaters in Budweis, doch er hatte keinen Erfolg, angeblich wegen der veralteten Garderobe. Anschließend ist er im Budapester Theater Harmonie als Theateragent belegt (1879). In der Saison 1879/80 war er Direktor des Stadttheaters in Jihlava, sein Stellvertreter und zweiter Regisseur war sein Sohn  Adolf. Im April 1880 bewarb er sich erfolgreich um das Theater in Znaim; im Unterschied zu seinem Konkurrenten J. H. Treu war er in der Lage, die geforderte Kaution von 200 Gulden zu hinterlegen. S.s Theatergesellschaft wurde mit Interesse erwartet, nicht nur, weil sie versprach, mehr populäre Operetten aufzuführen, sondern auch, weil man sich noch an den ehemaligen Direktor Josef S. erinnern konnte, den die legendäre T. Krones spielte. Zu den Mitgliedern von S.s Ensemble in Znaim gehörten der beginnende Schauspieler A. R. Tauber und die Schauspielerin A. Scholz. Neben dem Direktor, der bereits das Rollenfach Väter belegte, spielten im Ensemble auch weitere Familienmitglieder: seine Frau Betty und Sohn Adolf mit seiner Frau Leopoldine. Nach zwei erfolgreichen Saisons in Znaim spielte die Gesellschaft bereits unter der Leitung von Adolf S. in Maribor (Marburg an der Drau), 1883–84 im niederösterreichischen Krems an der Donau und 1884–85 in Těšín. In Krems feierte S. sein fünfzigjähriges Schauspieljubiläum mit der Titelrolle in Feldmanns Lustspiel Rechnungsrat und seine Töchter. Zum letzten Mal trat er am 8. 3. 1887 in Maribor auf, im selben Jahr starb er in Trenčianské Teplice.

Das künstlerische Niveau der Schauspielgesellschaft entwickelte sich bereits zu Zeiten seines Vaters Josef S., als S. ab dem Beginn seines schauspielerischen Wirkens zu den Hauptstützen des Ensembles gehörte (Rollenfach Helden und Liebhaber). Später war er ein anerkannter Vertreter des Rollenfachs Väter, und die Rezensenten schrieben von ihm als einem Vertreter der alten Schule und lobten seine echte Schauspielerei. Den gesellschaftlichen Aufstieg der Familie, der bereits in der Ära seines Vaters begonnen hatte, unterstützte der tüchtige Organisator S. weiter (Rekonstruktion des Theaters in Trnava, Veranstaltung von gesellschaftlichen Bällen und Reduten in Budweis). Die Saison in Budweis 1859/60 wurde aufgrund des reichen Repertoires und der geschmackvollen Kostüme positiv aufgenommen. Ein Ereignis war die Aufführung von Schillers Wilhelm Tell mit Rossinis Vorspiel anlässlich des hundertsten Geburtstags des Dramatikers; das vollbesetzte Theater war zu diesem Anlass festlich beleuchtet. Nach der radikalen Umbesetzung des Ensembles 1863 führte S. die erste Operette auf (J. Offenbach: Die Savoyarden). Das Repertoire umfasste auch anspruchsvollere Stücke: Hebbels Judith, Goethes Faust, Shakespeares Hamlet, einige Stücke von Schiller (Die Braut von Messina, Die Jungfrau von Orleans, Don Carlos, Wallensteins Lager, Wallensteins Tod). Aus dem Repertoire von Trnava (1869–72) sind Possen mit Gesang von O. F. Berg, A. Bäuerle, G. H. Putlitz, Stücke von E. Raupach, Ch. Birch-Pfeiffer und R. Benedix bekannt. In Znaim überwog dann schon die Operette, bei der sein Sohn Adolf  Regie führte (Suppé: Fatinitza, Offenbach: Prinz Methusalem, Lecocq: Giroflé-Girofla). S. erwies sich als fähiger Theateragent, als es ihm gelang, in Budapest den Wiener Lustspielschauspieler K. Blasel, W. Knaack oder z. B. die Sängerin J. Gallmeyer zu gewinnen. Er stand an der Wiege der Sommervorstellungen in Trenčianské Teplice, die bis in die 20-er Jahre des 20. Jahrhunderts andauerten.  


Quellen

MZA Brno: Matrikelsammlungen, Holešov 7538, Geburtsmatrikel 1813–1836, S.   28, snímek 15. SNA: Matrikelfonds, Inv.-Nr. 2442, Trnava, Sterbematrikel 1850–1856, Abb. 138 [L. Czerwenka † 8. 1. 1854]. Theatermuseum Wien: Sammlung Gustav Siege, Katalog, [online]. [zit. 20. 2. 2016]. URL: http://www.theatermuseum.at/fileadmin/content/tm/nachlaesse/S-Siege.pdf [Heirat mit L. Czerwenk: 8.1.1849, Heirat mit B. Weiss: 1.2.1854].

Haus-, Hof- und Staatsarchiv Wien: Katalog der Portrait-Sammlung der k.u.k. General-Intendanz der k.k. Hoftheater, Wien, Abteilung 3, Gruppe VI, 1894, S. 664.  

Literatur

Bohemia (Prag) 20. 10. 1859, 3. 12. 1859, 4. 11. 1864; Almanach für Freunde der Schauspielkunst (Berlin) 1845, S.  332; 1846, S.  128; 1850, S.  157; 1852, S.  168; 1853, S.  330; Deutscher Bühnenalmanach (Berlin) 1854, S.  362; 1855, S.  344; 1856, S.  384, 385; 1857, S.  302, 303; 1859, S.  95, 338, 339; 1860, S.  341, 439; 1863, S.  94; 1865, S.  342; 1866, S.  457; 1867, S.  158; 1871, S.  307, 308; 1872, S.  310, 311; 1873, S.  491; 1876, S.  346; 1880, S.  156, 157; 1881, S.  366, 367; 1884, S.  213, 214; 1885, S.  144 [Medaillon zum 50. Theaterjubiläum]; 1888, S.  227 [Nachruf]; Budivoj (České Budějovice) 25. 9. 1864, 5. 4. 1877, 12. 4. 1877; Illustriertes Wiener Extrablatt 1. 10. 1875; P. Stanislav: Jindřich Mošna, Světozor (Praha) 5, 1871, Nr. 45, S.  533; Znaimer Wochenblatt 10. 4. 1880, 8. 5. 1880, 11. 9. 1880, 2. 10. 1880, 4. 12. 1880, 3. 9. 1881, 8. 10. 1881; Roda Roda: Die Familie Siege. Ein Beitrag zur Theatergeschichte, Prager Tagblatt 11. 6. 1929; M. Cesnaková-Michalcová: Cudzojazyčné divadlo v Trnave (k 150. vyročiu trnavského divadla) [Fremdsprachliches Theater in Trnava (zum 150. Jubiläum des Theaters in Trnava], S.  29, Archiv KČD, rkp., b.d.; W. Taufar: Das deutschsprachige Theater in Marburg, Dis., Wien 1982; J. Knap: Umělcové na pouti. České divadelní společnosti v 19. století [Künstler auf Fahrt. Tschechische Theatergesellschaften im 19. Jahrhundert], Praha 1961, S.  29, 32, 83; O. Pausch: Über einige Quellen zur Theater- und Literaturgeschichte Böhmens, Mährens und der Slowakei im Österreichischen Theatermuseum, in Slg. Deutschsprachiges Theater in Prag, ed. A. Jakubcová – J. Ludvová – V. Maidl, Praha 2001, S.  441; M. Cesnaková-Michalcová: Z divadelnej minulosti na Slovensku, Bratislava 2004, S.  231; J. Hilmera: Činnost německých divadelních společností v českých provinciích 19. století [Die Tätigkeit der deutschen Theatergesellschaften in den böhmischen Provinzen des 19. Jahrhunderts], Praha 2006, DÚk, CD 307; M. Havlíčková – S. Pracná – J. Štefanides: Německojazyčné divadlo na Moravě a ve Slezsku 1/3 ] Das deutschsprachige Theater in Mähren und in Schlesien 1/3], Olomouc 2013, S.  202–203; O. Pausch: Ambulantes Theater durch vier Generationen. Die Familie Siege, in Slg. Nestroyana (Wien) 34, 2014, Nr. 3/4, S.  141–159. 

Kosch, ÖBL, Ulrich, ČČin [in A. Libická, S.  573; in J. Mošna, S.  656; in K. Polák, S.  756; in F. Paclt, S.  705; in M. Ryšavá, S.  853].

Lebensereignisse

  • 22. 6. 1818: Geburt, Holešov (CZ)
  • 30. 7. 1887: Tod, Trentschin-Teplitz (Trenčianské Teplice, SK)

Andere Namen

Ignatz
Hynek


Bildung: 2015

Autor: Hubert Reitterer, Berenika Zemanová Urbanová