Siege, Johann Nepomuk

zum Anfang...
Aus Theater Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Johann Nepomuk Siege
* 5. 2. 1829 Hranice / Mährisch Weißkirchen (CZ)
2. 4. 1904 Královské Vinohrady, Praha (Prag, CZ)
Schauspieler

Angehöriger der zweiten Generation einer Theaterfamilie. Begann in der Gesellschaft seines Vaters, machte sich um 1853 selbstständig. Er war langjähriges Mitglied des Schauspielensembles des Deutschen Landestheaters im Prag (1856–1885). Gründungsmitglied des Prager Vereins Schlaraffia.

Sohn des Theaterdirektors Josef S. aus der zweiten Ehe mit Aloisie Arnnay (er hat eine Zwillingsschwester Terezie Apolonie, die Schauspielerin wurde), sein Bruder war der Prinzipal Ignaz S. Er war mit Marie, geb. Niemetz (*1850), verheiratet, mit der er eine Tochter hatte, Katharina (*1869).
S. feierte in der Theatergesellschaft seines Vaters sein Debüt. 1844–45, als die Gesellschaft in Cheb wirkte, wurde er als Schauspieler im Rollenfach junger Liebhaber geführt, in Františkové Lázně (1846) schätzte man ihn als hoffnungsvollen Anfänger. Nachdem sein Bruder Ignaz S. begonnen hatte, Regie zu führen und Vaterrollen zu spielen, übernahm er von ihm die Rolle der ersten Lebhaber und jugendlichen Helden (1849–50 Jihlava). Ab dem Beginn der 50-er Jahre wirkten die Mitglieder der Theaterfamilie bereits selbstständig in verschiedenen Engagements. Im Januar 1852 spielte S. noch unter der Direktion seines Vaters im Theater in Meidling (heute Teil von Wien). In den folgenden Jahren wechselte er offensichtlich mehrere Theater, doch er ist nirgendwo zuverlässig belegbar: ein Schauspieler mit demselben Namen und demselben Rollenfach spielte 1852 im hessischen Marburg und im niederösterreichischen Sankt Pölten, 1853–54 in Salzburg und 1855 in Linz. Sein Engagement im Prager Ständetheater, wo er für den Rest seiner Schauspielkarriere verblieb, trat er 1856 am Ende der Amtszeit von Direktor J. A. Stöger an. S.s Schauspielrepertoire war vielfältig. Für mehr als zehn Jahre, unter den Direktoren F. Thomé und R. Wirsing, erhielt er Rollen von Naturburschen, zweiten Liebhabern, kleinere Rollen damaliger Dramen, in klassischen Stücken und in Wiener Singspielen, die lange im Programm blieben, er tauchte auch in einer Operette auf (Ajax I., Offenbach: Die schöne Helena). Unter Direktor E. Kreibig (ab 1876) wurde er oft als eifriger und gewissenhafter Episodist herangezogen. S.s bescheidene Position im Schauspielensemble wird auch aus der recht niedrigen Jahresgage deutlich (ab den 70-er Jahren 1300 Gulden). Seine langjährige schauspielerische Tätigeit im Ständetheater blieb von der Kritik völlig unbeachtet. 1885 beendete er nach fast dreißig Jahren seine Schauspielerkarriere und wurde Wirtschaftsinspektor. Nach dem definitiven Weggang vom Theater war er einige Jahre lang Buchhalter des Prager Café Continental. Er starb nach langer Krankheit.
Während seines Engagements im Ständetheater kam er der Prager Künstlergesellschaft näher. Er gehörte zu den Gründungsmitgliedern des Prager Herrenvereins Schlaraffia, der 1859 auf Initiative von F. Thomé als Tischgesellschaft zur Pflege von Freundschaften und Humor gegründet wurde. Zu dem Verein bekannte sich eine ganze Reihe von Prager Schauspielern und Musikern (u. a. der Direktor der Wiener Hofoper W. Jahn).


Rollen

Ständetheater
Ferdinand (J. W. Goethe: Egmont),  Schüler (ibid: Faust), Johann Strauss (A. Lanzer: Strauss und  Lanner), Der Leichtsinn (A. Berla: Die Leidenschaften), Baron von Hochmark (F. Kaiser: Die Frau Wirthin), Gustav Falle (A. Kotzebue: Die Unglücklichen), Max Stumpf (J. W. Goethe: Götz von Berlichingen), Vicomte Hercules (A. P. Dennery – H. Marr: Bajazzo und seine Familie), Don Louis, Prinz von Bearne (C. A. West dle A. Moreta: Donna  Diana oder Stolz und Liebe) – 1856; Rittmeister Neumann (F. Schiller: Die Piccolomini, Wallenstein’s Tod) – 1860; Ajax I. (J. Offenbach: Die schöne Helena)  – 1865; Josef (E. Neumann: Eine Tasse Tee), Kammerherr Pilzow (W. A. Gerle: Die beiden Nachtwächter) – 1867; Herr von Specht (K. Töpfer: Der beste Ton), Ritter Almereich (H. Herz: König René’s Tochter) – 1870; Maus (G. F. Belly: Monsieur Hercules) – 1871; Jackson Haines (A. Baumann: Das Versprechen hinter’m Herd) – 1872; Biggoro (V. Sardou: Rabagas) – 1874; Schufterle (F. Schiller: Die Räuber) – 1877; Sándor (A. L’Arronge: Mein Leopold) – 1878; Arlecchino (F. Suppé: Boccacio) – 1882, Battista (G. E. Lessing: Emilia Galotti) – 1883.

Quellen

ZA Opava: Matrikelsammlung, L VI. 5, Hranice, Geburtsmatrikel 1794–1835,  S. 363, Bild 185. NA: Polizeidirektion I, Konskription, Karton 540, Abb. 447, 448 [fälschlicherweise wurde S.s Geburtsort mit Wien angeführt]. AMP: Matrikelsammlung, VIN Z4, Sterbematrikel der Pfarrei St. Ludmila 1900–1905, S. 287. 

Literatur

Almanach für Freunde des Schauspielkunst (Berlin) 1845, S. 332; 1846, S.128; 1850, S. 157; 1851, S. 150; Deutscher Bühnenalmanach (Berlin) 1853, S. 222, 302; 1854, S. 337; 1855, S. 317; 1856, S. 272; 1857, S. 294;1867, S.243; 1868, S. 247; 1871, S. 251; 1876, S. 261; 1880, S. 258; Bohemia (Prag) 10. 9. 1846; Fremden-Blatt (Wien) 1. 6. 1852; O. Teuber: Geschichte des Prager Theaters III, Prag 1888, S. 446, 487, 714, 747, 784; ● Todesfälle und Nachrufe: Prager Tagblatt 3. 4. 1904, Bohemia (Praha) 5. 4. 1904; Neuer Theater-Almanach (Berlin) 16, 1905; Biographisches Jahrbuch und deutscher Nekrolog (Berlin), Ausg. A. Bettelheim, sv. 10, 1907●; B. Lomnäs, E. Lomnäs, D. Strauss: Der Prager Davidsbund in seinen Voraussetzungen und Wirkungen, in Slg. Auf der Suche nach der poetischen Zeit, Der Prager Davidsbuch: Ambros, Bach, Bayer Hampel, Hanslick, Helfert, Heller, Hock, Ulm. Zu einem vergessen Abschnitt der Musikgeschichte des 19. Jahrhunderts I, 1999, S.17–71 [Verein Schlaraffia]; J. Hilmera: Činnost německých divadelních společností v českých provinciích 19. století [Die Tätigkeit der deutschen Theatergesellschaften in den böhmischen Provinzen des 19. Jahrhunderts], Prag 2006, DÚk, CD 307; O. Pausch: Ambulantes Theater durch vier Generationen. Die Familie Siege, in Slg. Nestroyana (Wien) 34, 2014, Nr. 3/4, S. 150.

Kosch, Ulrich

Lebensereignisse

  • 5. 2. 1829: Geburt, Hranice / Mährisch Weißkirchen (CZ)
  • 2. 4. 1904: Tod, Královské Vinohrady, Praha (Prag, CZ)


Bildung: 2015

Autor: Hubert Reitterer