Treu, Johann Hugo

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Aus Theater Enzyklopädie
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Johann Hugo Treu
* 16. 5. 1829 Znojmo (CZ)
29. 8. 1903 Libina bei Šumperk (CZ)
Theaterdirektor, Regisseur, Schauspieler, Sänger

Der Theaterschauspieler und -direktor Johann Hugo Treu wirkte mit seiner Gesellschaft in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts fast ausschließlich auf dem Territorium Mährens. Die Gesellschaft führte vor allem ein musikdramatisches Repertoire auf. 

Mit eigentlichem Namen Johan Nepomuk Gratzer. Es tauchen auch die Varianten des Künstlernamens Johann Hugo Treu-Gratzer und Johann Hugo Gratzer auf. Er war der Sohn eines Ziegeldeckers aus Znaim. Ab dem Beginn der 50-er Jahre des 19. Jahrhunderts wirkte er bei der Theatergesellschaft von S. Locke und ehelichte 1856 ihre Tochter Anna. Er spielte vor allem komische Gestalten, Charakterrollen und sang in Operetten. Nach dem Tod von Locke übernahm er 1864 die Leitung der Gesellschaft. 1864–65 war er Direktor des Stadttheaters in Uherské Hradiště, nach Fastnacht 1865 tauchte sein Ensemble in Mikulov auf. In der Wintersaison 1866/67 spielte er in Šternberk und in Nový Jičín. In den folgenden Wintersaisons (1868/69, 1869/70) spielte er im Hotel Zweigel in Šternberk, wohin er regelmäßig zurückkehrte. Die Gesellschaft hatte ohne Orchester etwa zwanzig Mitglieder. Das Orchester bestand aus vierzehn Musikern der Stadtkapelle, bei der Aufführung von Operetten wurde die Anzahl der Musiker auf bis zu vierundzwanzig aufgestockt. Bei Possen und Operetten führte der Prinzipal Regie, bei Schauspielen und Lustspielen J. Zahrer, Kapellmeister war W. Weigelt. Bis zum Beginn der 70-er Jahre spielte bei der Gesellschaft die Familie Schubert (wahrscheinlich handelte es sich um A. Schubert, den späteren Theaterdirektor). In der Saison 1870/71 spielte das Ensemble in Nový Jičín, wo es in den 70-er und 80-er Jahren häufiger auftrat, 1871/72 in Ostrava und im Sommertheater in Prostějov, in den Wintersaisons 1874−76 und 1877−79 im Stadttheater in Znaim und 1876/77 in Uherské Hradiště. Während ihres Wirkens in Znaim hatte die Gesellschaft vier Regisseure und vierundzwanzig Schauspieler (unter ihnen wahrscheinlich die spätere Direktorin W. Finke als jugendliche Liebhaberin). In der Aufzählung des technischen Personals taucht der Name Gratzer auf; in seiner Heimatstadt Znaim beschäftigte T. also allem Anschein nach Familienangehörige. Die Wintersaison 1878/79, die er erneut in Znaim verbrachte, verband er mit Aufenthalten am Sommertheater in Hinter-Brühl bei Wien. Im Frühjahr 1880 bewarb er sich erneut um das Znaimer Theater, doch bevorzugt wurde I. Siege, der im Unterschied zu T. in der Lage war, die geforderte Kaution zu hinterlegen. Nach dem Ende der Wintersaison 1880/81 in Šternberk reiste die Gesellschaft weiter nach Prostějov, Šumperk und Moravská Třebová. Im Frühling des Folgejahres spielte sie in Theatersälen in Šternberk, später dann in Bruntál und Nový Jičín, die Wintersaison eröffnete sie in Krnov. In den 80-er Jahren des 19. Jahrhunderts spielte T. im Stadttheater von Krnov in sieben Saisons, wobei er in den Saisons 1883/84 und 1885/86 gleichzeitig das Theater in Bruntál leitete. Im Sommer spielte die Gesellschaft noch in Nový Jičín (1883) oder in Karlova Studánka (1884, 1889). Mitglied des Schauspielensembles war der Schauspieler, Regisseur und Theaterdirektor G. Denemy, der hier angesichts seines fortgeschrittenen Alters das Rollenfach Heldenväter verkörperte. Im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts spielte T. vor allem in Moravská Třebová (1890−92, Saison 1899/1900), in Šternberk zusammen mit dem artistischen Direktor P. Holdig (1896). Anschließend wirkte er in Ostrava (1896) und Šumperk (1892, 1894), wo er auch die letzte Wintersaison 1902/03 verbrachte. T. starb im Sommer 1903 in der nahe gelegenen Gemeinde Libina im Alter von sechsundsiebzig Jahren. Der Nachruf im Theateralmanach führt an, er sei der älteste Theaterdirektor in Österreich-Ungarn gewesen.

Seine Frau Anna, geb. Locke, war Schauspielerin und Sängerin; die Kinder Hugo und Fanny übernahmen ab der Saison 1866/67 Kinderrollen.

Das Repertoire von T.s Gesellschaft in den 70-er und 80-er Jahren des 19. Jahrhunderts hatte vor allem Lustspiel- und Vergnügungscharakter; es bot regelmäßig ein damals neues und beliebtes Genre an – die Operette. Gespielt wurden vor allem bewährte Stücke von F. Suppé (Die Frau Meisterin und Fatinitza), J. Strauss d. J. (Die Fledermaus und Der Karneval in Rom), Planquette (Die Glocken von Corneville) oder Der Seekadett von R. Genée und F. Zelle. Zu weiteren aufgeführten musikalischen Genres gehörte das Volksstück mit Gesang und die Posse mit Gesang (K. Morré, E. Jacobson, W. Mannstädt). Mehr als die Hälfte des gespielten Repertoires war mit Musik verbunden. Was das Schauspiel betraf, so führte T. vor allem bewährte Stücke von A. Kotzebue, F. I. Holbein oder G. A. Maltitz auf. Er orientierte sich jedoch auch auf damals moderne Dramatiker, deren Werke er oft kurz nach ihrer ersten Einstudierung auf größeren Bühnen zur Aufführung brachte: z. B. Anzengrubers Volksstück mit Gesang Der Pfarrer von Kirchfeld (1871/72), Rosens Posse Größenwahn (1877/78) oder Lindaus Lustspiel Die beiden Leonoren (1889/90). Oft führte er Stücke von O. F. Berg Die Frau Mama, Nemesis, Der letzte Nationalgardist, Das Mädl ohne Geld oder Der Närrische Schuster, Lustspiele von F. von Schönthan Das Mädchen aus der Fremde, Cornelius Voss oder das Stück von Schönthan und G. v. Moser Unsere Frauen auf, des Weiteren seine zu nennen L. Feldmann und O. Blumenthal Die Teufelsfelsen bzw. Unsere braven Achter oder Die Helden von Doboj von W. Seethaler, Redakteur des Mährischen Tagblatts. Neben mehrheitlich deutschen und österreichischen Dramatikern tauchten im Repertoire oft auch französische Autoren auf: A. Dumas d. J., É. Pailleron oder das Autorenpaar A. Valabrègue und M. Ordonneau (Posse Durand und Durand), H. Meilhac und L. Halévy (Posse Fifi) u. a.    

Die Gesellschaft gehörte zu den mittelgroßen Theaterunternehmen. T. gelang es, auch langfristigere Pachtverträge für Theater in kleineren Städten zu erhalten, jedoch nur in einer bestimmten Region. Er war ein aktiver Theatermacher von den 50-er Jahren des 19. Jahrhunderts bis in die ersten Jahre des 20. Jahrhunderts hinein.


Quellen

MZA Brno: Matrikelsammlung, Sign. 15017 1820−1835 Znojmo – St. Niklas [Geburtsdatum, Namen der Eltern: Mathias Gratzer und Antonia geb. Sanek, Beruf des Vaters]. Siehe auch [online, zit. 14. 10. 2016], URL: http://actapublica.eu/matriky/brno/prohlizec/2375/?strana=97.

ZA Opava: Matrikelsammlung, Z, Inv.-Nr. 10060, Sign. U IV 19 1896−1918 Horní Libina [Sterbedatum, Datum der Eheschließung: 8.10.1856]. Siehe auch [online, zit. 14.10.2016], URL: http://vademecum.archives.cz/vademecum/permalink?xid=be98bb62-f13c-102f-8255-0050568c0263&scan=80.

SOA Olomouc: Fonds Šternberk, Dokumentarische Plakatsammlung 1853−1967, Inv.-Nr. Š 8−22, Kart. 9 [Johann Hugo Treu, Theaterzettel 1869, 1872; Johann Hugo Treu und Paul Holdig, Theaterzettel 1896].

SOA Prostějov: Fonds Archiv der Stadt Prostějov II. (1850−1945), Inv.-Nr. 2011, Karton 119 [Ankündigung der Vorstellung, 1875], Inv.-Nr. 1934, GZ 1071, 1424, Karton 60 [Genehmigung, enthält auch ein Verzeichnis der Mitglieder der Gesellschaft, 1871]; Fonds Kreisamt Prostějov, allgemeine Registratur – Signatur G, 1857−1933, Inv.-Nr. 84, Sign. 1626, Karton 133 [T.s Gesuch, 1871].

SOA Bruntál mit Sitz in Krnov: Fonds Kreisamt Bruntál (1800 1850−1930 (1952), Inv.-Nr. 516, Sign. J, Karton 146 [Vorstellung in Bruntál zugunsten des örtlichen Armenfonds, 1873−1878, T.s Gesuch]; Inv.-Nr. 517, Sign. J, Karton 147, 1880−1885 [Genehmigung zur Durchführung von Theatervorstellungen, 1883].

Heimatkundliches Museum in Šumperk: Gruppe Schriftstücke, Untergruppe Plakate, Inv.-Nr. H 10 327−H 10 380 [Theaterzettel der Gesellschaft von der Vorstellung in Šumperk Oktober 1902 − Januar 1903].

Literatur

Deutscher Bühnen-Almanach (Berlin) 1865, T. 2, S. 156−157; 1866, T. 2, S. 324; 1867, T. 2, S. 271−272; 1869, T. 2, S. 393−394; 1872, T. 2, S. 230−232; 1875, T. 2, S. 385−386; 1876, T. 2, S. 357−358; 1877, T. 2, S. 312−313; 1878, T. 2, S. 325−326; 1879, T. 2, S. 350−352; 1881, T. 2, S. 495−496; 1883, T. 2, S. 172−173; 1884, T. 2, S. 469−470; 1886, T. 2, S. 225−226; 1889, T. 2, 243−244; 1890, T. 2, S. 616−617; Anon.: Theater-Direktor Johann Hugo Treu †, Zwittauer Nachrichten 4, 1903, Nr. 36, S. 4; Neuer Theater-Almanach (Berlin) 1904, S. 155 (Todesanzeige); O. Hatschek: Das deutsche Theaterwesen in Proßnitz, Prossnitz 1905, S. 9−10, 19−24, 28−30, 33−35, 39, 44−45; M. Havlíčková – S. Pracná – J. Štefanides: Německojazyčné divadlo na Moravě a ve Slezsku 1/3 [Das deutschsprachige Theater in Mähren und in Schlesien, 1/3], Olomouc 2013, S. 214–215; M. Havlíčková – S. Pracná – J. Štefanides: Německojazyčné divadlo na Moravě a ve Slezsku 2/3 [Das deutschsprachige Theater in Mähren und in Schlesien, 2/3], Olomouc 2013, S. 146, 165, 217, 224, 324; M. Havlíčková – S. Pracná – J. Štefanides: Německojazyčné divadlo na Moravě a ve Slezsku 3/3 [Das deutschsprachige Theater in Mähren und in Schlesien, 3/3], Olomouc 2014, S. 113, 117, 118, 131, 143, 144, 164, 176, 177, 225, 226, 237, 241, 242, 244, 266; M. Lukáš: Divadlo v Mikulově za éry rodu Dietrichsteinů (od konce 16. století do druhé světové války) [Das Theater in Mikulov in der Ära der Dietrichsteins (vom Ende des 16. Jahrhunderts bis zum Zweiten Weltkrieg)], Dissertation, Philosophische Fakultät der Masaryk-Universität Brno 2017, S. 80–82. 

Kosch Th, Ulrich

Lebensereignisse

  • 16. 5. 1829: Geburt, Znojmo (CZ)
  • 29. 8. 1903: Tod, Libina bei Šumperk (CZ)

Andere Namen

Gratzer Johan Nepomuk Gratzer, Treu-Gratzer Johann Hugo, Gratzer Johann Hugo


Bildung: 2018

Autor: Sylva Pracná