Fritzsche, Julius

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Julius Fritzsche
* 25.3. 1844 Dresden
19.11. 1907 Berlin
Theaterdirektor, Schauspieler, Regisseur, Sänger

Als Kind war er Mitglied des Ballettensembles des Dresdner Hoftheaters. Seine Schauspiellaufbahn begann er in Amberg und arbeitete sich schrittweise von Rollen von Liebhabern zum Rollenfach Helden und Bonvivants hoch. Als Theaterdirektor wirkte er ab 1870 (Oravitz, Košice, Těšín, Budweis). 1878 – 1880 Mieter des Stadttheaters in Olmütz. Er führte neue Operetten und Opern auf (Verdis Aida mit großartiger Ausstattung), mit geringerem Erfolg Schauspiele, doch der Theaterbetrieb war ein Verlustgeschäft. 1880 leitete er das Hamburger Carl-Schulze-Theater, ab 1881 das Berliner Friedrich-Wilhelmstädtische Theater, wo er erfolgreich Operettenrepertoire aufführte. Seine Ehefrau war die Operetten- und Opernsängerin Josefine Fritzsche, geb. Wagner (1849 – 1893). 

Schreibung auch „Fritsche“. F.s Ehefrau war die Opern- und Operettensängerin Josefine Fritzsche, geb. Wagner (1849 Opava – 1893 Hosterwitz (Dresden)). Bereits seit frühester Jugend bewegte sich F. in der Theaterwelt. Als Kind war er Mitglied des Ballettensembles am Dresdner Hoftheater, seine erste schauspielerische Ausbildung erhielt er bei dem bekannten Dresdner Komödienautor J. J. Lederer. Zeitgenössische Quellen betonen F.s allmählichen, in sehr bescheidenen Verhältnissen beginnenden, künstlerischen Aufstieg, den er seinem großen Ehrgeiz und Fleiß zu verdanken hatte. Seine schauspielerische Laufbahn begann er bereits mit fünfzehn Jahren in Amberg, danach war er in Ulm, Ljubljana und Salzburg tätig. Über das Deutsche Landestheater in Prag kam er zum Wiener Carltheater, im Anschluss daran war er in  Pressburg (Prešporok, dem heutigen Bratislava) engagiert und eine Spielzeit lang trat er als Gast in Essegg (Eszék oder Osijek, heute Kroatien) auf. Von Liebhaberrollen arbeitete er sich zu Helden- und Bonvivantrollen empor.

Ab 1870 war F. auch als Theaterleiter tätig, zunächst im ungarischen Orawitz (heute Oraviţa in Rumänien), wo er aufgrund von Personalmangel gezwungen war, auch als Sänger aufzutreten, und erste Operettenrollen übernahm. Es folgten deutschsprachige Theater in Groß-Becskerek (heute Zrenjanin in Serbien), Košice (Kaschau), Těšín (Teschen), České Budějovice (Budweis) und Ljubljana. Von dort aus ging er 1878 nach Olmütz (Olomouc), wo er für einen Zeitraum von sechs Jahren das deutschsprachige Stadttheater mietete. Sein Vorgänger war C. J. von Bertalan, der nach vierjähriger Tätigkeit in Olmütz aufgrund günstigerer Bedingungen nach Graz gegangen war.

In seinem an den Olmützer Stadtrat gesendeten Lebenslauf erwähnt F. unter anderem seine Erfahrungen im Opernbetrieb, die er bei der Leitung eines neu erbauten Sommertheaters im Kurbad Meidling bei Wien gesammelt hatte. Des Weiteren führt er an, dass er an seinen vorherigen Wirkungsstätten die Fähigkeit zur Zusammenstellung eines niveauvollen Ensembles bewiesen und seinen Mitarbeitern stets Ganzjahresverträge geboten habe. Sein Kapital betrug bei der Ankunft in Olmütz (nach eigenen Angaben) 12 000 Gulden in bar. Seine guten Vermögensverhältnisse belegte er zudem durch den Besitz einer wertvollen Bibliothek, und auch den Zustand seiner Theaterkostüme, die seiner Ansicht nach in Geschmack und Aktualität den hohen Ansprüchen eines Großstadtpublikums entsprachen, schätzte er sehr hoch ein. Wie schon sein Vorgänger Bertalan brauchte auch F. für die Nutzung der Theaterräume keine Miete zu zahlen, er musste jedoch selbst in vollem Umfang für Heizung und Beleuchtung des Theaters aufkommen. Erst im Rahmen einer Sondersubvention wurden diese Beträge von der Stadt gestützt. In seiner ersten Olmützer Spielzeit erschöpfte sich F. finanziell durch sechs Operetten-Neuinszenierungen und eine prachtvoll ausgestattete Inszenierung von Verdis Aida. Das Theater hatte mit schlechten Besucherzahlen zu kämpfen, unter anderem deshalb, weil durch die Abwesenheit der örtlichen Garnison ein großer Teil des militärischen Publikums ausblieb. F. schrieb die ungünstige Situation zudem auch dem konkurrierenden Veranstaltungsbetrieb im städtischen Redoutensaal zu. Da das Olmützer Publikum kein sonderliches Interesse an aufwändigen Operninszenierungen zeigte, zog F. schließlich eine Auflösung des vertraglich vereinbarten Opernbetriebs in Erwägung. Um die Lage des Theaters zu stabilisieren, stellte ihm die Stadt daraufhin nach Spielzeitende Subventionen in Höhe von 1500 Gulden zur Verfügung und bewilligte eine Erhöhung der Eintrittspreise. Eine Aufhebung von L.s Pflicht zur Zahlung von monatlich 840 Gulden an die Musiker des Stadtorchesters wurde jedoch abgelehnt. Da die Einkünfte des Theaters weiterhin sanken, beantragte F. in der nächsten Spielzeit bereits nach einigen Monaten erneut eine Subvention. Als diese im Dezember 1879 von der Stadt verweigert wurde, verlor F. das Interesse an einer Fortsetzung des Verlustbetriebs und ging nach Hamburg, wo bessere Bedingungen herrschten.

Wie schon an seinen vorherigen Wirkungsstätten trat F. auch in Olmütz als Schauspieler auf. In den Bewerbungsunterlagen für den Olmützer Stadtrat führt er an, dass er beim Publikum stets das beliebteste Ensemblemitglied gewesen sei. Die hohe Meinung, die F. von seinen schauspielerischen Fähigkeiten hatte, wird von zeitgenössischen Quellen bestätigt. Laut diesen bediente er sich auf der Bühne einfacher und natürlicher Ausdrucksmittel. Die Olmützer Kritiker lobten ihn u.a. dafür, dass er sich keinerlei Geschmacklosigkeiten erlaubte und sein Vortrag stets authentisch wirkte. Neben seiner schauspielerischen Tätigkeit war er als Operetten- und Komödienregisseur tätig, Opernregien übernahm er nur selten.

Während seiner ersten Spielzeit in Olmütz warf die örtliche Kritik F. ein unzulängliches Niveau des Schauspielensembles vor, da in diesem einige Fächer nicht besetzt waren. Höhepunkt der Schauspielsaison 1878/79 waren Gastauftritte des Wiener Hofschauspielers Joseph Lewinsky (als Mephisto in Goethes Faust und als Anselm in Molières Der eingebildete Kranke). In der folgenden Saison wandte F. sich dem Schauspiel in stärkerem Maße zu. So ließ er in Olmütz erstmals Ibsen (Die Stützen der Gesellschaft) aufführen. Häufiger vertreten waren nun auch klassische Dramen, die F. in seiner ersten Spielzeit bis auf wenige Ausnahmen ignoriert hatte: Das Repertoire umfasste Schiller und Goethe (Egmont) und neben anderen Stücken Shakespeares ließ F. auch den damals selten gespielten Othello inszenieren.

Für das Musiktheater standen ein vierzigköpfiges, vorwiegend aus Stadtmusikern bestehendes Orchester und zwei Kapellmeister zur Verfügung. In den Opernbetrieb investierte F. nur während seiner ersten Saison (1878/79), als er (erstmalig in Olmütz) in eigener Regie und mit einer großzügigen, in Wien angefertigten Ausstattung Verdis Aida auf die Bühne brachte. Ein weiteres markantes Ereignis dieser Spielzeit war eine Neuinszenierung von Webers Oberon und die erste Olmützer Inszenierung von Webers Euryanthe. In seinem zweiten Jahr verlor F. angesichts des beim Publikum herrschenden Desinteresses die Motivation für weitere Opernproduktionen. Die einzige Inszenierung einer Wagner-Oper (Lohengrin) erntete bei der Kritik kein Lob und der erlöschende Opernbetrieb wurde nur durch die Gastauftritte des berühmten Wiener Hofsängers Emil Scaria (als Kardinal in Halévys Die Jüdin, als Sir Falstaff in  Nicolais Die lustigen Weiber von Windsor) belebt. Die Ensemblemitglieder mussten ein ausgesprochenes Universaltalent unter Beweis stellen: Operettensänger bekamen Opernrollen und umgekehrt. Auch seine Ehefrau betraute F. mit großen Opernrollen (z.B. mit der Ortrud in Wagners Lohengrin). Im Opernchor traten auch Schauspieler auf – auch solche, die sonst Hauptrollen spielten.

Eine ökonomisch zuverlässige Sparte war lediglich die Operette, die von den sinkenden Besucherzahlen weniger betroffen war. Von den sechs Operetten-Neuinszenierungen in der Spielzeit 1878/79 waren Der Seekadett (von Richard Genée) und Jeanne, Jeannette et Jeanneton (von Paul Lacôme) erfolgreich, insbesondere aber ein Ausstattungsstück, Adolphe d´Ennerys Dramatisierung des Jules-Verne-Romans Die Reise um die Erde in 80 Tagen mit Musik von Franz Suppé. In der folgenden Spielzeit waren auf der Bühne vor allem Planquette (Die Glocken von Corneville) und Suppé (Boccaccio) präsent, dessen neues Stück Donna Juanita F. laut der zeitgenössischen Kritik mit einer sehr schönen und geschmackvollen Ausstattung versehen hatte. Der Deutsche Bühnen-Almanach schätzte 1885 F.s Olmützer Tätigkeit im Kontext seiner späteren Laufbahn sehr hoch ein: Auf dieser relativ großen Bühne habe er endlich die Möglichkeit gehabt, sein szenografisches Talent unter Beweis zu stellen.

Im Herbst 1880 übernahm F. das Carl-Schultze-Theater in Hamburg, wo er sich existenziell soweit absicherte, dass er bereits ein Jahr später nach Berlin übersiedeln und hier das Friedrich-Wilhelmstädtische Theater übernehmen konnte (die erste Spielzeit wurde am 24. September 1881 mit Suppés Operette Der Gascogner eröffnet). Mit diesem Berliner Theater hatte F. eine der seinerzeit besten deutschen Operettenbühnen erworben, was eine entscheidende Wende in seiner Karriere bedeutete. Das Theater begann sich ab 1882 zu rentieren, nachdem F. mit Johann Strauss’ Operette Der lustige Krieg einen großen kommerziellen Erfolg erzielt hatte. Ein Jahr später brachte er Millöckers Operette Der Bettelstudent (252 Aufführungen) auf die Bühne. 1883 profilierte sich das Friedrich-Wilhelmstädtische Theater (das spätere Deutsche Theater) auf Veranlassung des Betreibers als bürgerliche Bildungsinstitution, F. musste das Haus verlassen. Er kaufte daraufhin eine weitere Berliner Bühne, das Woltersdorf-Theater, das er zu einer Operettenbühne, dem Neuen Friedrich-Wilhelmstädtischen Theater, umbauen ließ. Der Theaterbetrieb wurde mit Strauss’ Operette Eine Nacht in Venedig aufgenommen. An diesem Haus feierte F. 1884 mit einer ganztägigen, durch eine Festvorstellung von Millöckers Operette Gasparone gekrönten öffentlichen Feier sein 25-jähriges Theaterjubiläum. Der später einsetzende Niedergang des Operettenbooms machte auch vor F.s Bühne nicht halt. Er vermietete daraufhin sein in ein Schauspielhaus umgewandeltes Theater und zog sich aus der künstlerischen Öffentlichkeit zurück.


Quellen

Státní okresní archiv Olomouc, Archiv města Olomouce: Protokolle über die Sitzungen des Stadtverordneten-Collegiums der k. Hauptstadt Olmütz 1878–1880; Registratura hospodářská 1874–1920, Theaterleiter 1878–1996, Kart. 765, Sign. L 2 – Nr.359 (Schriftstücke und Verträge]); Theaterplakatesammlung (Sign. C). – Vědecká knihovna v Olomouci: M. Remeš: Rukopisný materiál k dějinám olomouckého divadla, Olomouc, vor 1955. Beilagen: M. Remeš: K dějinám divadla olomouckého a brněnského. Ausschnitte aus der Zeitung „Pozor“ 1933, Jg. 40 sowie weitere Dokumente aus dem Nachlass M. Remešs, Sign. B II 291.171; Statistisches Jahrbuch der königlichen Hauptstadt Olmütz, I. Einleitungsband als Festschrift zum vierzigjährigen Regierungs-Jubiläum Sr. Majestät des Kaisers, Olmütz 1888.

Neuer Theater-Almanach 6, Berlin 1895, S. 152; 18, 1907, s. 158; 20, 1909, S. 149. – Almanach der Genossenschaft deutscher Bühnen-Angehöriger, 7, Leipzig 1879, S. 197, 453– 454; 8, 1880, S. 155–156; 10, 1882, S. 198; 13, 1885, S. 119–120; 14, 1886, S. 6. – Biographisches Jahrbuch und Deutscher Nekrolog, Bd. 12, Totenliste, Berlin 1909, S. 27. – Deutscher Bühnen-Almanach 43, Berlin 1879, S. 232–234; 44, 1880, S. 246–247; 49, 1885, S. 173–176; 1885, S. 173 (Porträt zum  25jährigen Bühnenjubiläum).

Periodika

Die neue Zeit (1878–1880); Olmützer Zeitung (1878–1980); Olmützer Zwischen-Akt (1878–1880); Pozor (1878–1880); Našinec (1878–1880).

Literatur

S. Langer: Stručná historie divadla v Olomouci, maschinengeschrieben, Divadelní ústav Praha, undatiert [1961]

J. Štefanides: Německé divadlo v Olomouci 1770–1944. Repertoár a členstvo. Elektronische Datenbank, Umělecké centrum UP v Olomouci, Dokum. centrum dramatických umění, Olomouc 2006

J. Štefanides a kol.: Kalendárium dějin divadla v Olomouci (od roku 1479; ed. Jan Dvořák), Praha 2008

L. Topoľská: Německé divadlo, in: Dějiny Olomouce II (ed. J. Burešová, J. Schulz), Univ. Palackého v Olomouci 2009, S. 88–89

J. Balatková: Německá opera, in: Dějiny Olomouce II (ed. J. Burešová, J. Schulz), Univ. Palackého, Olomouc 2009, S. 97–105

M. Havlíčková, S. Pracná, J. Štefanides: Německojazyčné divadlo na Moravě/ Deutschsprachiges Theater in Mähren und Schlesien 1/3. Ředitelé městských divadel /Direktoren der Stadttheater, Univ. Palackého v Olomouci 2011

Eisenberg, Kosch Th, ODS, Oppenheim, Ulrich

Lebensereignisse

  • 25.3. 1844: Geburt, Dresden
  • 19.11. 1907: Tod, Berlin

Andere Namen

Fritsche


Bildung: 30.11.2012

Autor: Lenka Křupková