Martinelli Ludwig

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Ludwig Martinelli. Prager Theaterbuch 1930, Bibliothek des Theaterinstituts in Prag.
Ludwig Martinelli
* 9.8. 1832 Linz
13.6. 1913 Bad Gleichenberg (Steiermark))
Schauspieler, Dekorationsmaler, Regisseur

Stammte aus einer italienischen Adelsfamilie. Studierte an der Wiener Akademie der bildenden Künste. 1852 und ab 1854 Dekorationsmaler im Innsbrucker Nationaltheater, 1856 trat er hier erstmals als Schauspieler auf. 1861 – 1864 engagiert als Schauspieler, später als oberster Regisseur und leitender Direktor am Deutschen Theater in Amsterdam. 1864 engagiert als erster Charakterkomiker in Graz. Der Direktor des Grazer Theaters Eduard Kreibig brachte ihn 1876 ans Prager Königliche deutsche Landestheater in Prag. Er war einer der meistbeschäftigten Schauspieler mit einem breiten Schauspielregister, er war sowohl in ernsten Stücken als auch in Lustspielen, Possen und Operetten erfolgreich. Besonders bekannt wurde er im Fach Volkstheater (als Mathias Ferner in Anzengrubers Der Meineidbauer). 1889 – 1908 spielte er am Volkstheater in Wien und führte dort Regie. Seine Frau Louise, geb. Seeberg (1847 – 1913), war Schauspielerin. Zusammen mit ihrem Mann war sie in Graz, Prag und Wien engagiert.

M.  stammte aus einer alten italienischen Adelsfamilie; sein Großvater, Peter v. Martinelli, ein hoher venezianischer Seeoffizier, zog nach Auflösung der Republik Venedig  nach Graz, sein Vater Lukas M. (1798 – 1852), der den Adelstitel abgelegt hatte, war als Dekorationsmaler (u.a. in Pest) tätig; seine Mutter Magdalena (geb. Höfer; 1797 – 1892) war als Schauspielerin zuletzt in Lemberg (Lwiw) und Graz engagiert. Seine erste Ehefrau Marie, geb. Neufeld (1840 - 1882), war Schauspielerin und Sängerin. Seine zweite Ehefrau Louise, geb. Seeberg, Schauspielerin (Heirat 1882), war mit ihm zugleich im einigen Engagements, auch in Prag.

Zunächst von seinem Vater unterrichtet, musste M. nach dessen Tod seine Ausbildung bei Ferdinand Waldmüller an der Wiener Akademie der bildenden Künste aufgeben, ging als Dekorationsmaler ans Innsbrucker Nationaltheater und trat dann 1854 als Gehilfe ins Atelier des Wiener Hoftheatermalers Moritz Lehmann ein. 1855 wurde er abermals nach Innsbruck berufen, um für das dortige Theater neue Dekorationen anzufertigen. Hier betrat er – seiner Darstellung zufolge im Rahmen einer Wette – 1856 das erste Mal als Schauspieler (Tratschmiedl in Nestroys Lokalposse Der Tritschtratsch) die Bühne. Im selben Jahr erhielt er am Münchener Neuen Vorstadttheater in der Au sein erstes Engagement (für Erste komische Gesangsrollen), in dem er bis 1860 verblieb und u. a. auch in weiteren Nestroy-Rollen und in der Operette auftrat; im selben Zeitraum absolvierte er auch Gastspiele an weiteren kleinen Bühnen Deutschlands und der Schweiz. 1861 – 1864 wirkte er am Deutschen Theater Amsterdam (Grand théâtre des Variétés) als Schauspieler und bald auch als Oberregisseur und Geschäftsleiter. M. ist es gelungen, das bis dahin auf Berliner Possen ausgerichtete Repertoire dieser Bühne durch Kultivierung des klassischen Schauspiels (Shakespeare, Lessing, Goethe, Schiller) und die Gastspiele prominenter Kräfte wie Marie Seebach, Bogumil Dawison und Emil Devrient zu heben. Ihm ist die Bereicherung des Spielplanes durch Stücke des Wiener Volkstheaters (Raimund und besonders Nestroy) zu verdanken; er trat aber auch in der deutschen Spieloper (Lortzing) und in Operetten Offenbachs auf. Daneben war er noch als Architektur- und Dekorationsmaler tätig: So erhielt für seine Entwürfe zur Innendekoration des monumentalen Amsterdamer Ausstellungspalastes „Paleis voor volksvlijt“ den 1. Preis.

Von Direktor Eduard Kreibig als Erster Charakterkomiker und als Regisseur 1864 ans Grazer landschaftliche Theater gerufen (Debüt als Valentin in Raimunds Der Verschwender), spielte er zunächst zwar vorwiegend die Rollen dieses Faches im Schauspiel und in der Operette, vollzog aber mit seiner Darstellung des Wurzelsepp in Anzengrubers Der Pfarrer von Kirchfeld (1870)  und des Steinklopferhanns (Die Kreuzelschreiber) den entscheidenden künstlerischen Durchbruch zum Charakterdarsteller. Einen Rückschlag in dieser Entwicklung stellte M.s folgendes Engagement am Theater an der Wien (1873 – 1876) dar, an dem er sein Anzengruber-Repertoire lediglich mit der Rolle des Grillhofer in Der G’wissenswurm erweitern konnte. Dagegen gab ihm seine 10jährige Periode am Prager deutschen Landestheater, an das er 1876 von Kreibig zusammen mit weiteren Mitgliedern von dessen Grazer Ensemble gebracht worden war, Gelegenheit, seine außerordentlich vielseitige schauspielerische Persönlichkeit voll zu entfalten. Einer der meistbeschäftigten Schauspieler dieser Bühne (er erhielt als solcher auch die Höchstgage von 4504 fl.), war er im ernsten Sprechstück, im Lustspiel, in der Posse und - gegen seine eigentliche Neigung -  auch in der Operette gleich erfolgreich und brachte als Mathias Ferner (in Der Meineidbauer) das Volksstück Anzengrubers  auch hier zu voller Geltung. Seine letzte und eigentliche künstlerische Heimstätte fand M. – nach einem kurzen Engagement (auch als Oberregisseur) am Wiener Carltheater (1886) und Gastspielen u.a. am Theater an der Wien und 1888 am Prager Sommertheater – am Deutschen Volkstheater in Wien, in dessen Eröffnungsvorstellung am 14. 9. 1889 er den Hubmayr in Anzengrubers Der Fleck auf der Ehr‘ spielte und in der Folge bis zu seiner Pensionierung 1908 (zusammen mit seiner Gattin Louise) mit größtem Erfolg, vorwiegend im Volksstück, auftrat, aber auch als akribischer, von hohem Berufsethos getragener Regisseur wesentlich zum Profil dieser Bühne beitrug.

Seine naturnahen, aber trotz scharfer Charakterisierung Übertreibungen vermeidenden Interpretationen von Rollen im bäuerlichen und im kleinbürgerlichen Milieu machten M. zu einem der bedeutendsten Volksschauspieler des deutschen Sprachraums. Er wurde 1896 von der Stadt Wien unter ausdrücklicher Berufung auf seine „hervorragenden Leistungen auf dem Gebiete der darstellenden Kunst, besonders des Volksstückes“ mit ihrer großen goldenen Salvator-Medaille ausgezeichnet und erhielt 1898 das kaiserliche goldene Verdienstkreuz mit der Krone.  Noch zu seinen Lebzeiten wurde er auf dem Wiener Denkmal seines engen Freundes Anzengruber (von Franz Scherpe, enthüllt 1905) in seiner wohl berühmtesten Rolle, jener des Steinklopferhanns, dargestellt.  


Rollen

(Laut einem 1906 erstellten Rollenverzeichnis ist M. bis zu diesem Jahr in insgesamt 901 Rollen aufgetreten.)

Am Münchener Neuen Vorstadttheater in der Au: Tratschmiedl (J. Nestroy: Der Tritschtratsch, 95 mal); Herr von Lips (ders.: Der Zerrissene, 34 mal); Schnoferl (ders., Das Mädl aus der Vorstadt, 19 mal); Orpheus (J. Offenbach: Orpheus in der Unterwelt, 52 mal);Bertram (G. Räder: Robert und Bertram, 29 mal); etc. – Am Deutschen Theater in Amsterdam: Landgraf Purzel (J. Nestroy: Tannhäuser, 29 mal); Titus Feuerfuchs (ders.. Der Talisman, 16 mal); Raimund (K. Haffner: Therese Krones, 64 mal); Rappelkopf (F. Raimund: Der Alpenkönig und der Menschenfeind, 66 mal); Qualm (G. v. Moser: Eine kranke Familie, 45 mal); Tranio (W. Shakespeare: Der Widerspenstigen Zähmung, 13 mal); Spiegelberg (F. v. Schiller: Die Räuber, 26 mal);  Peter Iwanow (G. A. Lortzing: Zar und Zimmermann, 10 mal); Jupiter (J. Offenbach: Orpheus in der Unterwelt, 87 mal); etc. –Am Grazer landschaftlichen Theater: Weinberl (J. Nestroy: Einen Jux will er sich machen, 40 mal); Muffel (ders.: Frühere Verhältnisse, 17 mal); Damian (ders.: Zu ebener Erd und erster Stock, 13 mal); Fortunatus Wurzel (F. Raimund:Der Bauer als Millionär, 72 mal); Valentin (ders.: Der Verschwender, 38 mal); Florian Waschblau (ders.: Der Diamant des Geisterkönigs, 11 mal); Narr (W. Shakespeare: König Lear, 6 mal); Isolani (F. v. Schiller: Wallensteins Tod, 5 mal); Brandsteiner (P. Rosegger: Das Mirakelkreuz, 21 mal); der Wurzelsepp (L. Anzengruber: Der Pfarrer von Kirchfeld, 231 mal); der Steinklopferhanns (ders.: Die Kreuzelschreiber, 132 mal); Kalchas (J. Offenbach: Die schöne Helena, 62 mal); Rentier Pitzelberger (ders.: Salon Pitzelberger, 33 mal); Baron von Gondremark (ders.: Pariser Leben, 20 mal);  Herr von Schönhahn (F. v. Suppé: 10 Mädchen und kein Mann, 28 mal); Hieronymus Geier (ders.: Flotte Bursche, 23 mal); Beppo (D. F. E. Auber: Fra Diavolo, 20 mal); etc. – Am Theater an der Wien: Grillhofer (L. Anzengruber: Der G’wissenswurm, 54 mal); Riccardo (J. Offenbach: Madame Herzog, 52 mal); General Bum-Bum (ders.: Die Großherzogin von Gerolstein, 26 mal); etc. – Am Prager deutschen  Landestheater: Lindorf, Dapertutto, Dr. Mirakel (J. Offenbach: Hoffmanns Erzählungen, 12 mal); Pietro (F. v. Suppé: Boccaccio, 48 mal); General Timofey Kantschukoff (ders.: Fatinitza, 45 mal); Gouverneur Douglas (ders.: Donna Juanita, 32 mal); Gefängnisdirektor Frank (J. Strauß: Die Fledermaus, 49 mal); Herzog Cyprian (ders.: Prinz Methusalem, 18 mal); Fürst Prutschesko (K. Millöcker: Apajune, der Wassermann, 14 mal); Dom Januario (R. Genée: Der Seekadett, 25 mal); Gaspard (R. Planquette: Die Glocken von Corneville, 55 mal); Just (G. E. Lessing: Minna von Barnhelm, 9 mal); Muley Hassan (F. v. Schiller: Die Verschwörung des Fiesco zu Genua, 5 mal); Kattwald (F. Grillparzer: Weh dem, der lügt, 6 mal); Hasemann (A. L‘ Arronge: Hasemanns Töchter, 33 mal); Birkenstock (G. v. Moser: Der Hypochonder, 37 mal); Simmerl (H. Neuert: Im Austragstüberl, 31 mal); der Null-Anerl (K. Morré: s‘ Nullerl, 31 mal); Mathias Ferner (L. Anzengruber: Der Meineidbauer, 153 mal); etc. (insgesamt 138 Rollen). – Am Deutschen Volkstheater in Wien (bis 1906): Ottokar von Horneck (F. Grillparzer: König Ottokars Glück und Ende, 10 mal); Martin Schalanter (L. Anzengruber: Das vierte Gebot, 122 mal); der alte Schalanter (ders., Das vierte Gebot, 1 mal); Hubmayr (ders.: Der Fleck auf der Ehr‘, 40 mal); Dusterer (ders.: Der G’wissenswurm, 13 mal); der alte Brenninger (ders.: Die Kreuzelschreiber, 12 mal); Döbler (A. Ohorn, Die Brüder von St. Bernhard, 98 mal); Hofrat Mittersteig (F. Schönthan – F. Koppe-Ellefeld: Komtesse Guckerl, 46 mal); etc.

Quellen

Ludwig Martinelli. Splitternachlass (Briefe, Lebensdokumente, Selbstbiographie), Zeitungsausschnittsammlung (2 Bde.), Wienbibliothek im Rathaus, Wien. – Magistrat der Landeshauptstadt Linz, Archiv (Verifizierung des Geburtsdatums). – Porträts und Rollenbilder, Österreichische Nationalbibliothek, Wien, Bildarchiv und Grafiksammlung, s. BAK-Index. –  Národní archiv Praha, Policejní ředitelství I, konskripce, karton 376, obraz 395.

Periodika

Neuer Theater-Almanach, Jg. 8, 1897, S. 159, Jg. 18, 1907, S. 148 – 151 (mit Bild), Jg. 25, 1914, S. 173f. –  Neue freie Presse, 7. 8. 1904, 19., 20. 5. 1906, 29. 8. 1908, 13., 18. 6. 1913, 12. 4. 1914;Prager Tagblatt, 13. 6. 1913; Neues Wiener Tagblatt, 13., 14. 6. 1913, 12. 4. 1914; Tages-Post (Linz), 14. 6. 1913; Neues Wiener Journal, 13., 14. 6. 1913; Illustrirtes Wiener Extrablatt, 14., 17. 6. 1913;

Literatur

O. Teuber: Geschichte des Prager Theaters, III, 1888, S. 700, 704f., 710, 712, 716, 740 – 743, 745f., 754, 771f., 777, 797, 802, 809; Briefe von Ludwig Anzengruber, ed. A. Bettelheim, 2 Bde., 1902, s. Reg.; Ludwig Martinelli’s Rollen-Verzeichnis. Eingeleitet von L. Anzengruber, 1906;  L. Martinelli, Mein Weg, in: Die Zeit, 28. 10. 1908; R. Tyrolt: LudwigMartinelli, in Tyrolt: Allerlei von Theater und Kunst, 1909, S. 119 – 123; Biographisches Jahrbuch und deutscher Nekrolog, ed. A. Bettelheim, Bd. 18, 1917;  F. Adler: Ludwig Martinelli in Prag, in Prager Theater-Buch, ed. K. Schluderpacher, 1930 (mit Bild), s. 26–31; G. Schlögl: Der Theaterkritiker Paul Blaha als Direktor des Deutschen Volkstheaters, phil. Diss. Wien, 1994, s. Bd. 4 (Gesamtindex); Peter Rosegger –  Ludwig Anzengruber. Briefwechsel 1871 – 1889, ed. K. Fliedl – K. Wagner, 1995, s. Reg.

DeN 1917, Eisenberg, HLW, NDB, ÖBL, Ulrich

Lebensereignisse

  • 9.8. 1832: Geburt, Linz
  • 13.6. 1913: Tod, Bad Gleichenberg (Steiermark))

Weben

M


Bildung: 30.11.2012

Autor: Hubert Reitterer